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30.10.1976: Großdemonstration in Brokdorf
Die so genannte "Ölkrise" Anfang der 1970er Jahre hatte Deutschland schlagartig bewusst gemacht, in welcher energiepolitischen Abhängigkeit sich das Land befunden hatte. Folglich sollten 13 neue Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 6.500 Megawatt ans Netz gehen. Überall wurde verzweifelt nach Standorten gesucht.

Ein Dorf wehrt sich

Einer davon war Brokdorf, ein kleines Dorf an der Unterelbe. Zwischen den Deichen, im besten Weideland für intensive Viehwirtschaft, sollte nach dem Willen der Norddeutschen Kraftwerke das bis dato leistungsstärkste Atomkraftwerk entstehen. Doch die Bevölkerung wehrte sich. Bauern und Handwerker aus der Region organisierten sich in der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe, BUU, und klagten gegen das Projekt.

Landwirte vermuteten Auswirkungen auf ihre Viehwirtschaft: "Wir befürchten zunächst schon beim Normalbetrieb des Reaktors, dass unsere Landwirtschaft dadurch beeinflusst wird. Gerade dadurch, dass hier intensive Viehwirtschaft betrieben wird - aus einem Reaktor kommen Nuklide heraus, radioaktive Nuklide, einmal über den Schornstein und einmal über das Kühlwasser."

Festung aus Stacheldraht

Die Klage der Bürgerinitiative wurde zurückgewiesen: Am 26. Oktober 1976 wurde die erste Teilbaugenehmigung erteilt. Umgehend wurde der Bauplatz zu einer Festung ausgebaut: Rund um das 300 Hektar große Gebiet wurden Wassergräben ausgehoben, dahinter: Stacheldrahtrollen, spanische Reiter, ein Hundelaufgitter, schließlich ein 2,5 Meter hoher Verschlag aus Maschendraht.

Vor der ersten großen Demonstration, die für das Wochenende angemeldet war, wurden Wasserwerfer und Bereitschaftspolizisten auf das Gelände gebracht, dazu noch der private Wachschutz der Elektrizitätswerke. Rund 5.000 Demonstranten fanden sich zum Wochenende ein. Ihre Forderung war klar: "Keine Kernkraftwerke und keine Wiederaufbereitungsanlagen."

Der Nachmittag verlief ohne Zwischenfälle. Am Rande der Demonstration fanden Diskussionen mit der Polizei statt. Den Veranstaltern war an einem friedlichen Protest gelegen: "Wir haben hier nicht vor, Schlägereien zu provozieren. Und wenn man uns vertreiben will mit einer Übermacht von Polizei, dann werden wir gehen. Dann werden sich die besonnenen Leute der BUU dafür einsetzen, dass die Demonstranten diesen Platz wieder friedlich verlassen."

Krawalle in Brokdorf

Doch die Bürgerinitiative konnte sich nicht durchsetzen. Nach der Abschlusskundgebung stürmten militante AKW-Gegner den Bauzaun, schnitten den Stacheldraht durch, rissen den Drahtzaun nieder. Etwa 1.000 Demonstranten strömten nach und besetzten einen Teil des Geländes - die Polizei sah zunächst tatenlos zu.

Die Stimmung wurde aggressiver, auf beiden Seiten wurde über das weitere Vorgehen beraten. Gegen 21 Uhr war es dann soweit. Mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken räumte die Polizei das Gelände. Dabei wurden zahlreiche Personen durch Gummiknüppel oder durch die chemische Keule verletzt. Auch bei der Polizei gab es Verletzte. Insgesamt wurden 55 Personen festgenommen.

Der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg machte die militanten Demonstranten für den harten Polizeieinsatz verantwortlich, er sagte: "Die gewalttätigen Gruppen sind mit äußerster Härte und Brutalität vorgegangen. So wurden unter anderem Molotow-Cocktails, Brandsätze, schwere Wurfgeschosse, Schlagwerkzeuge sowie mit Katapulten abgeschossene Stahlkugeln gegen die Beamten eingesetzt. Für eine Reihe von Beamten bestand nach den Berichten der Polizei in mehreren Fällen unmittelbare Lebensgefahr; vor allem bei den Angriffen mit Molotow-Cocktails und Brandsätzen gegen Fahrzeuge und Wasserwerfer der Polizei."

Als Täter machte Landeschef Stoltenberg linksradikale Verbände und Gewalttäter aus dem terroristischen Umfeld verantwortlich. Eine Einschätzung, die von der SPD-Fraktion im Landtag von Schleswig-Holstein allerdings nicht geteilt wurde. Sie forderte nach der Demonstration einen sofortigen Baustopp des Kraftwerkes.

Befürworter setzten sich durch

Gebaut wurde das Kernkraftwerk Brokdorf dennoch. Allerdings ging es erst 1986 mit einiger Verspätung ans Netz. Zuvor hatte es noch viele Demonstrationen, schwere Gefechte mit der Polizei und harte politische Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk gegeben. Das 2.000-Seelen Dorf Brokdorf war zum Synonym des Widerstands gegen Atomkraftwerke in Deutschland geworden.

Autor: Klaus Enderle
   
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