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11.11.1918: Ende des Ersten Weltkriegs
"Die Feindseligkeiten sind am 11. November, 11.55 Uhr vormittags, auf der ganzen Front einzustellen. Die vordere Linie darf von diesem Zeitpunkt an feindwärts nicht mehr überschritten werden. Weitere Befehle folgen", so lautete der entscheidende Funkspruch der Obersten Heeresleitung "An alle".

Rund zehn Mio. Menschen haben bis zu diesem Augenblick ihr Leben verloren. 20 Mio. Verwundete bleiben zurück. Materielle Schäden und Kosten sind nur in Milliarden auszudrücken. "Nie wieder Krieg!" schallt es durch ganz Europa.

Auslöser und Anfang

Auslöser der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" - wie der US-amerikanische Historiker George F. Kennan sie nannte - war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo. Als daraufhin ein österreichisch-russischer Krieg auszubrechen droht, beschließt Deutschland, Österreich beizustehen.

Die Gründe für diesen Beistand hat der damalige Reichskanzler Bethmann Hollweg mit den klassischen Worten formuliert: "Unser altes Dilemma bei jeder österreichischen Balkan-Aktion: reden wir ihnen gut zu, so sagen sie, wir hätten sie hineingestoßen; raten wir ab, so heißt es, wir hätten sie im Stich gelassen. Dann nähern sie sich den Westmächten, deren Arme offen stehen, und wir verlieren den letzten mäßigen Bundesgenossen."

Scheinbar geeint stehen die Deutschen hinter der Devise eines gerechten Verteidigungskrieges. Auch die Sozialdemokraten bewilligen die Kriegskredite, deshalb ist es für Wilhelm II. am 6. August 1914 ein Leichtes, in einem Aufruf "An das Deutsche Volk" nach einem Hinweis auf seine Friedensliebe und die Beistandsverpflichtung gegenüber dem Bundesgenossen Österreich zu fordern: "So muss denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf, zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter neu sich gründeten; um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens."

Ende und Anfänge

Wie diese Verblendung endete, ist bekannt. Im Herbst 1918, nach vier Jahren Krieg, ist die nationale Begeisterung vorbei, Ernüchterung und Erschöpfung machen sich breit. Die Gewissheit der bevorstehenden militärischen Niederlage reißt alte Gegensätze wieder neu auf. Sie führen schließlich Anfang November zu spontanen revolutionären Aufständen. In Kiel meutern Matrosen. Im Hinterland bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Demonstranten ziehen mit roten Fahnen durch die Straßen und fordern ein Ende des Krieges und politische Veränderungen.

Von den meisten Militärs verlassen und in der Bevölkerung isoliert legt Wilhelm II. daraufhin die Krone nieder und verlässt fast unbemerkt das Land. Der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende im Reichstag, Philipp Scheidemann, ruft vom Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus: "Arbeiter und Soldaten! Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!"

Noch ehe Friedrich Ebert als Reichskanzler die neue Regierung übernimmt, proklamiert Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss die "Freie, sozialistische Republik" - der Kampf der rivalisierenden sozialistischen Gruppen um die Macht in Deutschland beginnt.

Waffenstillstand und Vorzeichen

Unterdessen hat der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger im Wald von Compiègne am 11. November ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Eigentlich hätte zwar dieser Vertrag von der deutschen Heeresleitung gegengezeichnet werden müssen, doch General Ludendorff hatte den Offizieren seines Stabes bereits Anfang Oktober erklärt: "Ich habe Seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir so weit gekommen sind. Die sollen nun den Frieden schließen, der jetzt geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben."

Das war die Urform der späteren Dolchstoßlegende. Nicht diejenigen, die den Krieg geführt hatten, sollten die Verantwortung für die militärische Niederlage und ihre Folgen übernehmen, sondern die Mehrheitsparteien. Mit anderen Worten: die, die am Ausgangspunkt des Unheils im Jahre 1914 lediglich der Finanzierung des Kriegs hatten zustimmen dürfen.

Auf diese Weise war das Drama der Weimarer Republik damit - zum größten Teil jedenfalls - vorgezeichnet.


Autor: Otto Busch
   
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