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21.11.1942: Vorabend Stalingrad-Kessel
"Wir stehen hier am Wolgastrand und halten die Wacht. Für Euch und unsere Heimat. Wenn wir nicht hier ständen, müssten die Russen durchbrechen und alles zerschlagen. Sie sind sehr gewalttätig und viele Millionen Mann. Dem Russen macht die Kälte nichts aus. Aber wir frieren fürchterlich."

Im August 1942 rückt die 6. Armee unter General Friedrich Paulus Richtung Stalingrad vor. Unter großen Verlusten wird die Stadt Stück für Stück erobert - die Sowjets leisten erbitterten Widerstand. Die Propaganda in der Heimat meldet Erfolge - doch die Feldpostbriefe der Soldaten aus Stalingrad sprechen eine andere Sprache - auch wenn viele noch auf Hitlers Versprechen vertrauen.

"Ich habe mir vorgenommen, dass wir nächstes Jahr richtig Weihnachten feiern, dann schenke ich Dir auch ganz was Schönes. Ich habe keine Schuld, dass ich es Dir jetzt noch nicht schenken kann. Die Russen sind um uns herum, und wir kommen nicht wieder raus, bis Hitler uns rausholt. Aber das darfst Du nicht weitersagen. Es soll eine Überraschung werden."

Am 22. November ziehen sich die sowjetischen Truppen im Rücken der deutschen Einheiten zusammen. 280.000 Soldaten sind im Kessel von Stalingrad eingeschlossen. Einen Tag später erbittet Paulus über Funk die Genehmigung zum Ausbruch. Doch Hitler lehnt das Ersuchen ab: Die Fronten seien zu halten, Luftversorgung unterwegs.

"Ich gratuliere herzlich der Großmutter zu ihrem 74. Geburtstage, und ich bedauere, dass ich nicht bei ihr Kuchen essen kann. Gibt es alles zum Kuchenbacken? Wir haben keinen Kuchen, doch wenn wir erst raus sind, gibt es wieder alles; so lange wird der Gürtel eben enger gezogen. Gehe zur Sparkasse, hole fünfzig Mark ab und kaufe ein Geschenk für Großmutter, sie soll sich tüchtig freuen."

Alle verfügbaren JU 52 sind für den Einsatz abgestellt, doch die Flugzeuge sind nicht in der Lage, genug Lebensmittel, Treibstoff und Munition zu den Eingeschlossenen zu bringen. Für die Flieger selbst ist der Einsatz lebensgefährlich: Hunderte Flugzeuge werden abgeschossen.

"Ich habe den Tod ein paar dutzendmal auf der Bühne gespielt - der Tod musste immer heroisch sein, begeisternd, mitreißend, für eine große Sache und aus Überzeugung. Und was ist es in Wirklichkeit hier? Ein Verrecken, Verhungern, Erfrieren, nichts weiter wie eine biologische Tatsache, wie Essen und Trinken. Sie fallen wie die Fliegen, und keiner kümmert sich darum und begräbt sie. Ohne Arme und Beine und ohne Augen, mit zerrissenen Bäuchen liegen sie überall herum."

In den Monaten im Kessel von Stalingrad führen die Soldaten einen erbitterten Kampf um jeden Häuserblock, um jeden Straßenzug - mit allem, was sie zur Verfügung haben: Maschinenpistole, Bajonett, Handgranaten, Flammenwerfer, Panzerabwehrgeschütze.

"Ich habe Gott gesucht in jedem Trichter, in jedem zerstörten Haus, an jeder Ecke, bei jedem Kameraden, wenn ich in meinem Loch lag, und am Himmel. Gott zeigte sich nicht, wenn mein Herz auch nach ihm schrie. Die Häuser waren zerstört, die Kameraden so tapfer oder so feige wie ich, auf der Erde war Hunger und Mord, vom Himmel kamen Bomben und Feuer, nur Gott war nicht da."

Alle Versuche der deutschen Armee, zu den Eingeschlossenen vorzudringen, scheitern. Schließlich gibt man auf: Die Soldaten werden gebraucht, um die Offensive der Sowjets an den anderen Frontabschnitten aufzuhalten. Ende Januar 1943 bricht die Luftversorgung der deutschen Soldaten in Stalingrad endgültig zusammen. Das letzte Flugzeug, das den Kessel von Stalingrad verlässt, hat sieben Säcke mit Feldpost an Bord - mit den Abschiedsbriefen der Eingeschlossenen. Doch keiner dieser Briefe erreicht die Menschen, für die er bestimmt ist. Die Post wird beschlagnahmt, geöffnet, Anschrift und Absender werden entfernt. Erst Jahre später findet man die Abschriften.

"Du wirst im Januar 28 Jahre alt, das ist noch sehr jung für eine so hübsche Frau, und ich freue mich, dass ich Dir dieses Kompliment immer wieder machen durfte. Du wirst mich sehr vermissen, aber schließe Dich trotzdem nicht ab von den Menschen. Lass ein paar Monate dazwischen liegen, aber nicht länger. Denn Gertrud und Claus brauchen einen Vater. Vergiss nicht, dass Du für die Kinder leben musst, und mach um ihren Vater nicht viel Wesens. Kinder vergessen sehr schnell und in dem Alter noch leichter."

Den Sowjets gelingt es, die Einheiten in Stalingrad in zwei Kessel zu spalten. Am 31. Januar 1943 kapituliert General Paulus mit dem südlichen Kessel, zwei Tage später der Nordkessel unter General Karl Strecker. 90.000 deutsche Soldaten überleben Stalingrad. Doch der Krieg und das Sterben sind noch lange nicht zu Ende. Die Männer gehen in russische Kriegsgefangenschaft. Nur wenige kommen später lebend nach Deutschland zurück.

Autorin: Christina Bergmann
   
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