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23.12.1493: Die Schedelsche Weltchronik
Was für ein prächtiges Weihnachtsgeschenk! Da lag sie also vor ihnen, am 23. Dezember 1493: Die deutsche Ausgabe der Schedelschen Weltchronik. Schon im Sommer des Jahres hatten die reichen Bürger Nürnbergs das "Liber chronicarium cum figuris et imaginubus" erstmals in Händen gehalten - in lateinischer Sprache.

1493, das ist die Zeit der Entdeckungen, der buchstäblichen Horizonterweiterung. Columbus ist auf seiner zweiten Amerikafahrt, der Buchdruck war wenige Jahre vorher erfunden worden, der Blick zurück in die Geschichte führt zur Auseinandersetzung mit den griechischen Philosophen - Beginn des Humanismus.

Es ist auch die Zeit des Handels, des aufstrebenden Patriziertums in den größeren Städten des Reichs. Nürnberg, neben Augsburg einer der reichsten Handelsplätze im Süden des Heiligen Römischen Reiches, Hort der schönen Künste und der Gelehrsamkeit. Hier nun bildet sich ein kleines Kollektiv, um die Idee einer Chronik der Welt zu verwirklichen.

Kleines Kollektiv - großes Projekt

Sebald Schreyer, der Geldgeber. Michael Wolgemut, der Künstler und Holzschneider für die Holzstöcke. Anton Koberger, der Drucker und bedeutenster Buchhändler seiner Zeit nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa - und: Hartmann Schedel, der Arzt und Büchersammler und, wenn man so will, der Autor.

Es ist eine glückliche Fügung, dass diese Männer sich zusammengetan haben, und Schedel, der auf eine der größten Bibliotheken seiner Zeit zurückgreifen konnte, beginnt 1487 mit seiner Arbeit. Er war ein begeisterter Büchersammler und Abschreiber wie viele humanistisch Interessierte in dieser Zeit. Und was diesen Freundeskreis fasziniert haben muss, ist ein neues Werk zu schreiben, was umfangreicher, größer war und was vor allem die moderne Technik, den Holzschnitt in einer ganz anderen Weise mit einbezog.

Eine Sensation

Professor Johannes Helmrath, Historiker an der Humboldt-Universität Berlin sagte dazu: "Neu war die Idee einer Chronik fürwahr nicht. Gerade einmal 20 Jahre vor dem Unternehmen "Schedelsche Weltchronik", 1474, hatte der 'Fasiculus temporum omnes antiquorum chronicas complectens' des Kölner Kartäusers Werner Rovelinck eine breite Leserschaft in ganz Europa begeistert. 33 Auflagen und Übersetzungen ins Lateinische, Französische und Flämische - das gab es selten im damals noch frühen Buchhandel. In Nürnberg nahm man sich den Erfolg zum Vorbild und wollte nun ein Werk der Superlative produzieren. Und das ist es auch: Mit seinen 1809 Holzschnitten, gedruckt von 645 Holzstöcken ist es das am reichsten bebilderte Buch in Europa. Die Illustrationen gehören zu den Höhepunkten der Buchdruckkunst."

Und noch etwas macht die Schedelsche Weltchronik zu einer Sensation für die damalige Zeit, meint Professor Johannes Helmrath: "Das Layout war etwas vollkommen Neues, was sich auch von den vorherigen Drucken unterschied. Wir haben von Hartmann Schedel das handschriftliche Exemplar, wo er das Layout schon vorbereitet. Da sind die Zeichnungen schon angedeutet und wie der Text laufen sollte. Und dann war es eben eine große Leistung der Holzschneider und der Drucker jede Seite individuell zu gestalten."

Die Geschichte der Welt

Schedels "kurze beschreybung des wercks der sechs tag von dem geschöpf der werlt", wie es in seiner Einleitung heißt, teilt die Geschichte der Welt in sieben Weltalter ein, gemäß den sieben Wochentagen der Schöpfung.

Es beginnt im Paradies, führt uns dann zum Bau der Arche Noah und zur Zerstörung von Sodom und Gomorrha, Abraham leitet das dritte Weltalter ein. Mit den Königen David und Salomo beginnt dann das vierte Weltalter und mehr und mehr finden sich Städtebeschreibungen und Porträts antiker Dichter und Philosophen. Das sechste Weltalter führt vom Leiden Christi dann bis in die Gegenwart des 15. Jahrhunderts. Berühmt aber ist die Chronik von Hartmann Schedel vor allem für seine Städteansichten im Anhang des Buches. Hier findet sich auch eine für damalige Verhältnisse bemerkenswerte Weltkarte.

Professor Helmrath dazu: "Sie hat also im Unterschied zu mittelalterlichen, mehr symbolischen, in Form eines "T" gebauten Karten, doch schon einen Vogelschaublick auf die damals bekannte Erde. Das ist sicher bemerkenswert. Man sieht Afrika, man sieht Europa in erstaunlich authentischer Weise, Indien ist sicher nicht Original aber es ist immerhin vorhanden, auch China. Die neuen Länder, die neue Welt noch nicht."

Kein kommerzieller Erfolg

Und mit daran scheiterte auch der angestrebte kommerzielle Erfolg der Schedelschen Weltchronik. Die Zeiten änderten sich zu rasch. Das Wissen explodiert in jenen Jahren, die Geschichte muss ständig neu geschrieben werden. Schedels Weltchronik als Versuch, ein gutes Geschäft zu machen, war nicht erfolgreich. Die Bilanz von Sebald Schreyer im Jahre 1509 fiel nicht sehr begeistert aus. Der anfängliche Verkaufserfolg konnte über eine insgesamt eher verhaltene Reaktion bei den Käufern nicht hinwegtäuschen.

Trotzdem: Die Schedelsche Weltchronik ist für die damaligen Verhältnisse eine einzigartige Sammlung vieler Quellen. Die Leistung besteht in der Auswahl der Texte und ihrer Anordnung. Zugleich spiegelt für den Historiker der Aufbau der Chronik die Ideen der frühen Humanisten wieder: in der christlichen Auffassung verhaftet und dennoch mit antiker Dichtung und Denkweise vertraut.

   
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