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21.12.1902: Erster Verkehrspolizist in Berlin
Es herrscht Chaos in Berlin. Die Metropole boomt, Menschen strömen in die Stadt und überall ist zu spüren: Berlin wird zur Weltstadt. Nein, dies ist keinesfalls eine Beschreibung der jetzigen Situation in der Hauptstadt - schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Berlin die größte und bedeutenste Stadt des damaligen Deutschen Reiches. Der Potsdamer Platz ein Synonym für Großstadtleben. Und dann die großen Magistralen der Stadt. Der Kurfürstendamm, die Leipziger Straße, die Friedrichstraße und Unter den Linden - und genau dort entschließt man sich am 21. Dezember 1902 dem Chaos Einhalt zu gebieten.

Verkehrsregelung in Blau

Der Blaue, so genannt wegen seiner Uniform, regelt - oder versucht es zumindest - den Verkehr. Die Trillerpfeife soll auf ihn aufmerksam machen und zugleich signalisieren, dass er jetzt eine neue Anweisung an die Verkehrsteilnehmer gibt. Die Zeichen und ihre Bedeutung waren vorher in einer Dienstanweisung festgelegt worden: "Hochheben des rechten Armes, die offene Handfläche demjenigen den das Zeichen angeht, zugewendet: Langsam fahren, Vorsicht - letzteres für Fußgänger. Aneiferndes Zuwinken mit dem Arm in der Vorwärtsrichtung des Fuhrwerkes, auch für ängstliche Fußgänger als Aufforderung zum Überschreiten einer freien Fahrbahn anzuwenden: Zufahren, Anfahren, Beschleunigung des Gehens."

Schnell erkennt man in Berlin: Verkehrsregelung ist ein Vollzeitjob. Dazu die Historikerin Dr. Bärbel Schönefeld: "Man hat dann 1906 ein Verkehrskommando gebildet, praktisch eine extra Diensteinheit innerhalb der Schutzmannschaft, die nur noch für Verkehrsaufgaben zuständig ist und aus zwei Wachtmeistern besteht und 22 Schutzmännern. Dabei muss man bedenken, dass auf dem Potsdamer Platz rund um die Uhr ein Wachtmeister und elf Schutzmänner Dienst hatten."

Verkehrsregelung vom Podest

Allerdings half die Trillerpfeife dem Verkehrspolizisten nicht unbedingt auf sich aufmerksam zu machen, im Gegenteil: So mancher Verkehrspolizist wurde Opfer seines Dienstes. In den Zeitungen von damals liest man immer wieder von durchgehenden Pferden, die die Verkehrspolizisten überrannten. 1910 stellte man daher die Verkehrsregler auf ein Podest.

Dr. Bärbel Schönefeld sagte dazu: "Man hat dann wahrscheinlich in den vier Jahren, seitdem man diese Truppe eingesetzt hat, gemerkt, dass man doch zu klein ist und hat deshalb dieses Podest eingesetzt. Der Polizist steht dann vielleicht 1,20 Meter über der Erde und hat die Tute dabei und mit Hornsignal zeigt er dann an, dass gleich die nächste Fahrtrichtung freigegeben wird."

1907 führt man am Potsdamer Platz eine Verkehrszählung durch. Stündlich passieren 1.743 Fuhrwerke aller Art den Treffpunkt von fünf Straßen und 318 Straßenbahnen kreuzen den Platz im Laufe eines Tages. Seit Beginn des Jahrhunderts hatte die Motorisierung rasant zugenommen. Gab es 1898 lediglich zehn Kraftfahrzeuge und vier Motorräder in ganz Berlin, waren es zwei Jahre später, 1900, bereits 133 Kraftfahrzeuge und 35 Motorräder.

Alles geregelt

Geregelt wurde damals fast alles. Es gab eine Gehordnung für die Fußgänger, in der unter anderem stand, dass man eine Straße nicht schräg zu überqueren habe. Fahrradfahrer benötigten eine Fahrradkarte mit Namen und Adresse des Fahrenden, hatte man sie nicht dabei, kostete das die damals empfindliche Strafe von drei Reichsmark. Und für die Autofahrer galt, nicht schneller zu fahren als ein pferdegezogenes Fahrzeug, also knapp 15 Stundenkilometer.

Doch selbst in der geregelten preußischen Gesellschaft gab es bereits Verkehrsteilnehmer, die sich nicht immer an die Ordnung hielten, weiß Dr. Bärbel Schönefeld: "Ein bisschen ein Problem hatte die Polizei immer mit den Droschkenkutschern, also das Taxigewerbe hatte immer ein bisschen die Einstellung: wir sind die Herren der Straße, weshalb es dann Auseinandersetzungen mit dem Droschkenkutscherverein gab. Dafür wurde eine extra Ordnung erarbeitet (...), der Droschkenkutscher sollte eigentlich doch mehr ein Vorbild sein als dass er Verkehrsrowdy ist. Das sind die einzigen Auseinandersetzungen gewesen oder disziplinlose Verkehrsteilnehmer."

Chaos ohne Ampel

Und heute? So richtig geläufig sind den Autofahrern die Handzeichen der Verkehrspolizisten nicht mehr. Chaos herrscht, wenn die Ampeln ausfallen, der Verkehrspolizist mit den Händen oben, mit den Armen winkend oder dem Rücken zugewandt - das ist für die meisten völlig ungewohnt. So wie damals, als am 21. Dezember 1902 zum ersten Mal ein Polizist in Berlin den Verkehr regeln sollte.


Autor: Jens Teschke
   
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