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12.12.1901: Telegrafie über den Atlantik
"Mit Gottes Hilfe, der der Menschheit solche mysteriösen Kräfte zur Verfügung gestellt hat, konnte ich einen Sender aufbauen, der die Stimme des Heiligen Vaters in alle Welt übertragen wird", mit diesen Worten eröffnete Guglielmo Marconi 1932 den Sendebetrieb von Radio Vatikan.

Rund 40 Jahre zuvor hatte er seine Versuche zur drahtlosen Telegrafie begonnen. Bis dahin konnten Nachrichten nur mit Hilfe des Kabels übertragen werden. Das Kabel lag auf dem Meeresgrund und verband die Zentren mit ihren Telegraphennetzen. Texte und Zahlen wurden als Morsezeichen übertragen. Jeder Buchstabe besteht dabei aus kurzen oder langen elektrischen Impulsen - ein damals übliches Nachrichtensystem. Im Äther herrschte noch Stille - keine Verbindung zu Schiffen in Seenot, kein drahtloser Funkverkehr zu anderen Kontinenten.

Signale: unsichtbar, geheimnisvoll

Der am 25. April 1874 in Bologna geborene Guglielmo Marconi hatte sich schon früh für die Elektrizitätslehre begeistert. Aber erst als der 20-Jährige einen Artikel über die Versuche des deutschen Physikers Heinrich Hertz las, bekam seine Arbeit ein klares Ziel: Nachrichtenübermittlung mittels elektromagnetischer Wellen.

Marconi richtete sich zu Hause ein Laboratorium ein. Seine Mutter finanzierte die Versuche, sein Vater dagegen hielt die Bemühungen des Sohnes für Hirngespinste und Zeitverschwendung. Nach zwei Jahren konnte er aus neun Metern Entfernung eine Klingel zum Tönen bringen und Morsezeichen empfangen - mit Hilfe einer quadratischen Blechantenne. Die ersetzte er bald durch eine hohe Drahtantenne, um größere Entfernungen mit größeren Wellen zu überbrücken. Dann entdeckte er die Erdung, und mit einem Schlag wucchs die Reichweite auf mehrere 100 Meter.

Nur kurz danach folgte die Probe aufs Exempel: Guglielmo baute eine Sendeanlage in den heimischen Garten und postierte den Bruder zweieinhalb Kilometer entfernt - auf die andere Seite eines Hügels. Der sollte einen Schuss abgeben, wenn er das Signal empfing. Damit war bewiesen: Seine Signale gehen durch Wälder, Wände, die Nacht, über Seen und Berge - unsichtbar, geheimnisvoll.

Durchbruch im Funkverkehr

Doch wie so oft galt der Prophet im eigenen Lande nichts - 1896 ging der Tüftler nach England, wo man den Wert seiner Erfindung, vor allen Dingen für die Schifffahrt, rasch erkannte. Kurze Zeit später wurde der italienische König aufmerksam und ließ seine Kriegsschiffe mit Marconi-Apparaten ausstatten. Zwar war das Frequenzspektrum zwischen Sender und Empfänger noch sehr breit, aber es reichte, um Rettung herbeizuholen.

Am 12. Dezember 1901 erfolgte dann der ganz große Durchbruch: Guglielmo Marconi empfing ein von England aus gesendetes Signal in Neufundland - 3.600 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt. Die Antenne hatte er an einen Drachen gehängt. Damit widerlegte der Italiener einen Glaubenssatz der Physiker. Die hatten bis dahin angenommen, dass Funkwellen sich geradlinig ausbreiten und damit einfach im Weltraum verschwinden. Marconi dagegen zeigte: Bestimmte Funkwellen folgen der Erdkrümmung. Dies war die Geburtsstunde des weltweiten Funkverkehrs rund um den Globus. 1909 wwurde dem Physiker der Nobelpreis verliehen.

Erfolgreiche Entwicklungen

Die erste Funkfahndung der Geschichte gelang und ereilte den Mörder Dr. Crippen, als der auf einem Dampfer nach Nordamerika floh. Beim Untergang der Titanic zwei Jahre später, 1912, überlebten immerhin 700 Passagiere dank dem SOS der Funker.

1919 gelang die erste Radiosendung mit Musik und Sprache. Dazu musste man die höchst komplizierten Schwingungen von Sprache oder Musik sozusagen huckepack den Sende- oder Trägerwellen mitgeben. Voraussetzung für diese Entwicklung war die Erfindung der Diode und kurz darauf der Triode, den frühen Vorläufern des Transistors.

Kurz darauf gehörte Marconi zum Gründungsteam der BBC. Musik und Sprache aus dem Äther wurde für die Menschen immer selbstverständlicher, das Phänomen wirklich erklären aber konnten die Physiker jener Tage noch nicht. Bei der Eröffnung des Radio Vatikan sagte Guglielmo Marconi auf die Frage des Papstes, wie dies alles eigentlich alles angehen konnte: "Das müssten Sie eigentlich besser wissen. Sie sind näher bei Gott. Ich weiß es nicht."

Rätsel, Reden, Schweigen

Rätsel gaben vor allen Dingen die Kurzwellen mit ihren damals unerklärlich großen Reichweiten auf. Marconi konnte nicht wissen, dass sie einerseits zum Boden abstrahlen, andererseits aber gleichzeitig in den Raum gehen und durch die Ionosphäre teilweise reflektiert werden. Diese elektrisch geladene Schicht, 100 bis 400 Kilometer über der Erde, wirft die Wellen zurück. Die Ausbreitung erfolgt in Lichtgeschwindigkeit - pro Sekunde sieben Mal um die ganze Welt.

Für seine Forschungen und Geschäfte brauchte Marconi jedoch auch die Mächtigen der Welt. 1923 trat er der italienischen faschistischen Partei bei und unterhielt intensive Beziehungen zu Benito Mussolini. Er stellte den Schwarzhemden seine technischen Einrichtungen zur Verfügung, etwa um die Reden des italienischen "Duce" zu übertragen.

Als sein Tod am 20. Juli 1937 bekannt wurde, schwiegen alle Funk- und Radiostationen auf der Welt. Für zwei Minuten war es im Äther wieder genauso still wie vor Marconi und seiner Erfindung.
   
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