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2.2.1852: Erste öffentliche Bedürfnisanstalt
Wo der Mensch lebt, produziert er Abfall. Was oben reingeht, muss schließlich unten wieder raus. Noch kein Problem mit der Entsorgung hatte der Nomade - erst mit der Sesshaftwerdung wurde das Beseitigen der Exkremente zum logistischen Problem.

Die ersten öffentlichen Toiletten sind aus dem alten Rom bekannt. Die Betreibung dieser privaten Latrinen war äußerst lukrativ, kassierte der Unternehmer doch gleich doppelt: beim Benutzer und beim Gärtner aus der Nachbarschaft, der mit Urin und Fäkalien seine Felder düngte. Werbewirksam warben denn auch geschäftstüchtige Latrinenpächter mit dem Slogan: "Hüte Dich, auf die Straße zu kacken. Sonst wird Dich Jupiters Zorn treffen."

Satte Einnahmen für die Staatskasse witternd, belegte Kaiser Vespasian die Locus-Unternehmer mit einer Harnsteuer. Sohn Titus war zunächst gegen diese Abzockerei, als der Vater ihm jedoch das neue Steuergeld unter die Nase hielt, soll er verzückt gesagt haben: "Es riecht ja gar nicht."

Im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechung hatte der geplagte Römer die Wahl zwischen 144 öffentlichen Bedürfnisanstalten. Das ausgeklügelte Kloakensystem der Stadt zollt selbst heute noch Ingenieuren Bewunderung ab.

Hygiene auf dem Tiefstand

Doch dann zog das finstere Mittelalter herauf. Mit den Errungenschaften der Römer konnte man nichts anfangen, die Sauberkeit in den Städten erreichte einen absoluten Tiefststand. Fäkalien wurden auf die Straßen geleitet wo sich menschliche und tierische Exkremente zu einem fürchterlich stinkenden Kot mischten. Wer keinen Misthaufen besaß, ging auf den des Nachbarn oder kippte seinen Nachttopf einfach auf die Straße.

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb ein kritischer Zeitgenosse über die Straßenverhältnisse in Berlin: "In die Rinnsteine leert man die Nachtstühle und allen Unrat der Küche aus und wirft krepierte Hausthiere hinein, die einen unleidlichen Gestank verbreiten. (...) In Berlin kannst du unaufhörlich deine Nase im Schnupftuch tragen. (...)Hat es geregnet, so werden die Kohthaufen in den Straßen zusammengeworfen und da diese oft Tag und Nacht auf den Abholer warten müssen, so kann man es im Finstern sehr leicht versehen, hinein zu gerathen und bis an die Knie verunreinigt zu werden."

Geniale Erfindungen

Einen gravierenden Einschnitt in die düstere Geschichte der Hygiene brachte erst die französische Revolution. Anfang der 1890er-Jahre ließen freisinnige Männer auf Pariser Plätzen öffentliche Aborte anlegen. Gleichwohl hält sich in der Literatur hartnäckig das Gerücht, in der Neuzeit habe es sie zuallererst in England gegeben und die Einweihung der ersten öffentlichen Bedürfnisanstalt 1852 in der Londoner Fleet Street sei ein ganz besonderes Datum für die Zivilisation.

Ein Irrtum, der verzeihlich ist, immerhin bescherte das Inselvolk der Welt das Wasserklosett. Zu verdanken haben wir diese geniale Erfindung einem gewissen Sir Henry Harrington. Bereits 1589 ließ er in seinem Haus in Kensington ein Klappenklosett mit Wasserspülung installieren.

Doch erst 1775, als ein gewisser Alexander Cumming in London das Patent für einen Spülabort mit Geruchsverschluss anmeldete, begann auf der Insel eine rasante Entwicklung, in deren Folge alle auch heute noch gängigen Toiletten-Typen entwickelt wurden - mit hygienischer Schwemmspülung und geruchsblockierendem, weil doppelt gekrümmtem Abfluss.

Sanitärer Leistungsstandard

Von perfekter Kanalisation konnte jedoch auch in England Mitte des 19. Jahrhunderts keine Rede sein. Hausbesitzer entsorgten über Rohrleitungen ins nächste erreichbare Gewässer. Flüsse verwandelten sich in eine stinkende Brühe. Beim Abwasserexperten William Dunbar ist zu lesen: "Kinder machten sich ein Vergnügen daraus, die Gasblasen anzustecken, die aus den Flussläufen aufstiegen. Es entstanden dann bis zu sechs Fuß hohe Flammen, die bis zu 100 Meter auf der Wasseroberfläche entlang liefen. In großer Zahl schwammen Tierkadaver auf den Flüssen. Hier und da strandeten sie. Niemand war verpflichtet, sie zu beseitigen."

Weil die Abfälle der frühkapitalistischen Industriestädte im Inselreich zum Himmel stanken, wurden bereits 1836 in London die ersten Maßnahmen zur Städtereinigung eingeleitet. In keinem Land der Welt entwickelte man in den folgenden Jahrzehnten so viele Abwasserreinigungsmethoden wie in England. Der sanitäre Leistungsstandard der Briten wurde richtungsweisend für das kontinentale Europa.


Autorin: Carola Hoßfeld
   
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