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11.1.1992: Algerien verhindert FIS-Sieg
Eigentlich hatte alles sehr hoffnungsvoll begonnen: Der algerische Staatspräsident Chadli Benjedid hatte gerade drei Jahre seiner dritten fünfjährigen Amtsperiode zu Ende gebracht. Obwohl er selbst dem Militär und der von diesem gestützten Staatspartei FLN angehörte, machte er sich daran, das Monopol der "Befreiungsfront" in Frage zu stellen.

Ziel war, das politische System des Landes zu liberalisieren, nachdem Algerien seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1962 von der FLN wie ein Ostblock-Staat regiert worden war. Grundlage für die Reform war die neue Verfassung, die bereits 1988 verabschiedet worden war und unter anderem darauf verzichtete, Algerien als "sozialistisches" Land zu definieren.

Mehrheit für die FIS befürchtet

Bei den Regional- und Gemeinderatswahlen hatte daraufhin 1990 die "Islamische Heilsfront" (FIS) einen überzeugenden Wahlsieg über die FLN errungen, und bei den Parlamentswahlen im Dezember 1991 schien sie diesen Erfolg sogar noch weiter auszubauen: Mit insgesamt 188 gewählten Abgeordneten fehlten ihr nur noch 28 Mandate zur einfachen Mehrheit in der Nationalversammlung. Alles deutete darauf hin, dass die FIS ihre Mehrheit bei dem für den 15. Januar 1992 vorgesehenen zweiten Wahlgang noch weiter würde ausbauen können.

Hauptgrund für den Erfolg: Die FIS trat mit respektierten Persönlichkeiten an, an ihrer Spitze Abbasi Madani, die für die Wähler eine vielversprechende Alternative zum abgewirtschafteten und korrupten "ancien régime" der FLN zu sein versprachen.

Die FIS trat für ein pluralistisches System ein, das zwar auf dem Islam basieren, aber weit entfernt sein sollte von islamistisch geprägten Staaten wie dem Iran, Afghanistan oder dem Sudan. Die FIS konnte davon profitieren, dass der Islam vor der französischen Herrschaft ordnende Kraft im Land und später eine treibende Kraft im Volks-Befreiungskampf gegen Frankreich gewesen war.

Wahlen für ungültig erklärt

Schon früh war zu erkennen, dass die FIS keineswegs nur mit einer Stimme und für das Ziel einer toleranten und gerechten Gesellschaft antrat: Fanatiker wie Ali Benhadj zum Beispiel begannen schon früh, arbeitslose Jugendliche mit radikalen Parolen für einen militanten Islamismus zu gewinnen.

Am 11. Januar zeichnete sich ab, dass dies nicht zugelassen würde: Chadli Benjedid erklärte überraschend seinen Rücktritt, und die Armee ernannte Mohamed Boudiaf zu seinem Nachfolger. Gleichzeitig verkündete sie, dass der zweite Wahlgang nicht stattfinden würde und auch der erste Wahlgang annulliert sei.

Das Militär ging noch weiter: Es verbot die FIS, nahm einige ihrer Führer fest - andere konnten ins europäische Exil fliehen -, und in Algerien begann ein Bürgerkrieg, der Hunderttausenden das Leben gekostet hat.

   
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