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30.1.1948: Gandhi ermordet
"Das Licht ist aus unserem Leben gegangen", sagte damals Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru in seiner Rundfunkansprache an die gerade ein knappes halbes Jahr unabhängige Nation. Der Führer der Nation, Mohandas Karamchand Gandhi, war von einem fanatischen Hindu-Nationalisten, Nathuram Godse, erschossen worden - weil Gandhi indische Gelder an Pakistan freigeben wollte, obwohl die beiden Länder gerade in ihren ersten Krieg um Kaschmir gerutscht waren.

Mahatma - große Seele

So pathetisch wie die Nehru-Worte sollte der Umgang mit dem "Vater der Nation" bleiben. Noch stärker als zu seinen Lebzeiten wird der "Mahatma" - das heißt "große Seele" - heute idealisiert: Jede indische Kleinstadt schmückt ein Denkmal des hageren, gebückten Mannes mit dem Stock - doch die Menschen auf den Märkten, die an diesen Denkmälern vorbeidrängen, scheinen nicht recht zu wissen, was sie mit Gandhi anfangen sollen, und sein Erbe scheint für die praktische Politik Indiens belangloser als je zuvor.

So spielt Gandhis Idee der Gewaltlosigkeit keine große Rolle mehr in einer Gesellschaft, die voll ist von Gewalt - zwischen Kasten, Religionen, Volksgruppen, oder einfach Arm und Reich. Und seinem Entwicklungsmodell ist es ähnlich ergangen. Unter dem Symbol des Spinnrads hatte er für die dörfliche Kleinindustrie geworben. Aber Jawaharlal Nehru und die nachkolonialen Regierungen setzten auf die Stahlindustrie, und ihre Nachfolger sind stolz auf Software-Spezialisten mit Weltniveau.

Zu Lebzeiten ein Heiliger

Gandhi aber war schon zu Lebzeiten ein Heiliger - und über einen Heiligen streitet man nicht. Die große Kluft zwischen seinen Ansprüchen und der Korruption heutiger Politiker lässt einen eher in Resignation verfallen. Darüber vergisst man leicht, dass auch Gandhi ein machtbewusster, oft auch autoritärer Politiker war. Sein Engagement für die sogenannten "Unberührbaren" ist über die Grenzen Indiens hinaus berühmt.

Gandhi, der selbst aus einer hohen Hindu-Kaste stammte, verrichtete demonstrativ Arbeiten der "Unberührbaren" oder kämpfte dafür, ihnen die Hindu-Tempel zu öffnen. Durch ihn wurden auch viele britisch erzogene Inder in den Städten auf das Elend der indischen Dörfer und insbesondere der unberührbaren Kasten aufmerksam.

Gewaltfreie Methoden

Gandhi neigte dabei aber auch zu Bevormundung und naiver Verklärung: "I have travelled from one end of India to the other, seen these villages, seen the miserable specimens of humanity, lustreless eyes, and yet: they are India. And yet in those humble cottages, in the midst of those dung heaps, are to be found the humble bhangis, where you will find concentrated essence of wisdom." - "Ich habe Indien vom einen Ende zum anderen bereist, diese Dörfer gesehen, die erbärmlichen Exemplare der menschlichen Gattung mit ihren stumpfen Augen - und dennoch: sie sind Indien. Und trotz allem treffen Sie in diesen niedrigen Hütten, inmitten der Dung-Haufen, auf die bescheidenen Bhangis, bei denen Sie die Weisheit in hoher Konzentration finden."

In ihrer Weisheit wollten die Bhangis, eine traditionell als unberührbar geltende Kaste, aber nicht länger bescheiden sein: Der wichtigste Politiker der Unberührbaren zur Zeit Gandhis, Bhimrao Ramji Ambedkar, war der Ansicht, die Unberührbaren hätten andere Interessen als die hochkastigen Hindus. Sie müssten deswegen (ebenso wie die Muslime) separat von den anderen Wählern ihre eigenen Repräsentanten in die Parlamente entsenden. Doch Gandhi bestand darauf, dass die Unberührbaren zu den Hindus gehörten. Über Ambedkars Forderung erregte er sich so sehr, dass er ein Fasten bis zum Tode androhte. Gegen diese Erpressung war Ambedkar machtlos, und so gab er nach. Sogenannte "gewaltfreie" Methoden setzte Gandhi in den 1930er-Jahren also nicht nur im Befreiungskampf gegen die militärisch überlegenen Kolonialherren ein.

Gandhis Erbe

Inzwischen versucht sich auch die Hindu-Rechte das Erbe Gandhis anzueignen. Das ist zweifellos unhistorisch. Gandhi hat sich wie nur wenige Hindu-Politiker seiner Zeit für einen Ausgleich mit den Muslimen eingesetzt. Aber der Hinduismus spielte eine zentrale Rolle in seinem Leben. Seine Ideen, seine politischen Programme, alles ist geprägt von hinduistischem Vokabular. Ein Großteil der Muslime fühlte sich durch ihn nicht vertreten und bestand auf einem eigenen Staat Pakistan. Auch als Galionsfigur des "säkularistischen Indiens" taugt Gandhi also nur bedingt.

Mahatma Gandhi hat nicht nur entscheidend dazu beigetragen, dass Indien ohne viel Blutvergießen seine Unabhängigkeit erkämpfte. Viele seiner Gedanken zur Kluft zwischen Stadt und Land oder zur gewaltfreien Konfliktlösung wären nach wie vor und über Indien hinaus aktuell.


Autor: Thomas Bärthlein
   
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