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25.2.1994: Reichstag verhüllt
"Ich wurde in Bulgarien geboren und bin aus Osteuropa in den Westen geflüchtet. Ich war begierig, Projekte zu verwirklichen, die eng mit einer Ost-West-Begegnung in Beziehung standen. Der einzige Ort in der Welt, wo für Architekten, Künstler oder Bildhauer diese Begegnung stattfinden konnte, war die Großstadt Berlin. Das einzige Gebäude, das unter dem Hoheitsrecht der alten Mächte lag, den Ost- und den Westmächten, war der Reichstag. Wäre ich also in Nebraska zur Welt gekommen, dann gäbe es für mich keinen Grund, den Reichstag zu verhüllen."

Das sagte der in Bulgarien geborene und in New York lebende Aktionskünstler Christo Javacheff. Dessen Lebenstraum ging 1995 in Erfüllung: die Verhüllung des Berliner Reichstags.

Ein Jahr zuvor, am 25. Februar 1994, hatten sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages nach einer kontroversen Debatte für das Projekt ausgesprochen - in namentlicher Abstimmung und über alle Fraktionszwänge hinweg. Am Ende war es Christo gelungen, mehr als 290 Mitglieder des Bundestags in persönlichen Gesprächen für seine Pläne zu gewinnen, darunter auch die damals amtierende Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Debatten über Kunst im Bundestag

Einwände gegen den verhüllten Reichstag gab es zuhauf: Die Würde des Parlamentes werde verletzt, das viele Geld wäre besser und sinnvoller investiert in Krankenhäuser, Schulen oder andere soziale Einrichtungen. Der Reichstag als ein antidemokratisches Symbol? ″Das sei völlig falsch″, korrigierte Christos Ehefrau Jeanne-Claude, und zwar deshalb, weil der Reichstag vor über 100 Jahren als das älteste demokratische Parlament in Europa erbaut wurde - neben dem der Schweiz. Die Leute dächten immer nur an die schlechten Jahre des Gebäudes, es ginge aber um die guten Zeiten.

In der Bundestagsdebatte traten die Christo-Gegner mit ihren staatstragenden Argumenten an: Ein Symbol deutscher Geschichte nähme Schaden, meinte der damalige CDU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble. Viele Menschen würden Christos Reichstagsverhüllung nicht verstehen. Hausherrin Rita Süssmuth hielt dagegen, die Aktion mache doch gerade die ambivalente Geschichte des Gebäudes deutlich. Auffallend war, dass Gegner wie Befürworter der Reichstagsverhüllung in eigentümlicher Weise einem gemeinsamem Diskurs unterworfen waren. Denn grundlegend war beiden Positionen der Gedanke vom "dummen Volk", das entweder belehrt werden musste oder sich nicht belehren ließ

Christo sagte über das Projekt: "Seit 1961 beschäftigen wir uns mit dem Reichstag. Seine Lage hat durch das Ende des Kalten Krieges eine zusätzliche Bedeutung erfahren. Das macht das Reichstags-Projekt gerade jetzt so lohnend. Sie wissen ja, bis 1989 war der Reichstag ein Mausoleum, ein Gebäude ohne Zukunft wie im Dornröschenschlaf. Den Reichstag in dieser Übergangsphase zu verhüllen, das ist eine aufregende Sache. Wir können diesen Wandel sichtbar machen."

Kunstwerk: Wrapped Reichstag

Verwandlung und Bewegung, das sind die zentralen Elemente in Christos Kunst. Vom 23. Juni bis zum 6. Juli 1995 schmiegten sich für zwei Wochen 100.000 silberfarbene Quadratmeter Aluminiumbedampftes Tuch um den Reichstag. Wie ein gefrorener Wasserfall. Ein unwiederholbares Projekt, wie Christo selbst hervorhob, dass die Vergänglichkeit der Dinge gegenüber einer ständig sich wiederholenden Welt veranschaulichen soll. Der "Wrapped Reichstag - Project for Berlin" war beides: ein ästhetisches wie wirtschaftliches Unternehmen. Dabei waren Kunst und Ökonomie derart eng miteinander verzahnt, dass Public Relation, künstlerische Botschaft und wirtschaftliches Kalkül nicht immer auseinander gehalten werden konnten. Auch deshalb wurde der Vorwurf erhoben, das Parlament habe sich zum Erfüllungsgehilfen einer Werbeaktion des Ehepaares Christo und Jean-Claude gemacht.

Denn deren zeitlich begrenzte und fragile Kunst ist nichts ohne die Öffentlichkeit. Schließlich brauchten Christo und Jean-Claude für das Gelingen des "Wrapped Reichstag" die aktive Teilnahme des Publikums, der Parlamentarier und des Fernsehens. Gerade das machte sie zu einem Liebling der Medien - und die kamen in Scharen. Eines jedoch haben Christo und Jean-Claude auf jeden Fall erreicht: Zum ersten Mal in seiner Geschichte debattierten die Abgeordneten des Bundestags über Kunst. Insofern sind Gegner wie Befürworter des Projektes gleichermaßen zu einem Bestandteil des Kunstwerkes geworden.

Autor: Michael Marek
   
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