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3.3.1924: Das Ende der Kalifen
In seiner Blütezeit, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, erstreckte sich das Osmanische Reich vom Zweistromland von Euphrat und Tigris - dem heutigen Irak - durch den gesamten Nahen Osten und über den Balkan bis nach Ungarn sowie bis nach Nordafrika. Seine Herrscher hatten wenige Jahrzehnte zuvor den Titel der muslimischen Kalifen übernommen, um ihre Führerrolle in der muslimischen Welt zu unterstreichen.

Aber Sultan Suleiman I. war der letzte große Herrscher dieses Weltreiches. Nach ihm ging es nur noch bergab mit dem Osmanischen Reich, dessen Randgebiete eines nach dem anderen verloren gingen: Bereits im 18. Jahrhundert wurden die Türken aus Ungarn vertrieben, wenig später aus Süd-Russland, im 19. Jahrhundert folgten Teile des Balkan und Ägypten. Schließlich begannen ursprünglich weitgehend autonome Volksgruppen zu rebellieren oder nach Selbständigkeit zu streben.

Dies führte zu erbitterten Kämpfen im Balkan, aber auch zur Revolution der "Jungtürken" 1908, die versuchten, den Verfall ihres Weltreiches zu stoppen und umzukehren. Und schließlich resultierte diese Eskalation im Massenmord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges: Rund 600.000 Angehörige dieses Zwei-Millionen-Volkes wurden dabei auf grausamste Weise umgebracht.

Der Verfall des Osmanischen Reiches war durch nicht aufzuhalten. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ging der Rest des Herrschaftsgebietes auf dem Balkan, und weil die Türkei sich in diesem Krieg mit Deutschland liiert hatte, wurde ihr Staatsgebiet noch während des Krieges in einer Reihe von internationalen Verträgen in fremde Einfluss-Sphären aufgeteilt: Russen, Briten, Franzosen, Griechen und Italiener bedienten sich und teilten den "Kuchen" des Osmanischen Reiches untereinander auf. Sie annektierten die einen Teile des Weltreiches, andere wurden zu Protektoraten erklärt, wieder andere (wie Palästina) Völkerbunds-Mandat und einige - wie Armenien - wurden selbständig. Die Meerenge der Dardanellen, die Verbindung zwischen Schwarzem und Ägäischem Meer, schließlich wurde internationalisiert.

Die endgültige Festlegung des türkischen Staatsgebietes wurde 1923 im Vertrag von Lausanne vorgenommen. Es war das Ende des Weltreiches, auch das Ende des Traumes von der Renaissance dieses Reiches unter anderen machtpolitischen Vorzeichen So hatten bestimmte Gruppen darauf gedrängt, eine Allianz der finnisch-ugrischen Sprach-Völker zu schaffen, andere wollten die Turk-Völker zusammenfassen und zu neuer Machtentfaltung bringen.

Vor Lausanne aber stand die Gefahr einer völligen Zerstückelung des Reiches. Der Appetit der Alliierten auf Teile des türkischen Kernlandes in Kleinasien war aber so groß, dass davon kaum etwas übrig geblieben wäre, wenn die Türken sich dem nicht unter der Führung von Mustafa Kemal widersetzt hätten - einem bewährten General des osmanischen Reiches, der an allen Fronten kriegserprobt war und der miterlebt hatte, wie das ehemalige Weltreich immer mehr in sich zusammenstürzte.

In Zusammenarbeit mit anderen national gesonnenen Kräften machte der General sich daran, den Widerstand gegen eine weitere Zerschlagung des Landes zu organisieren: Die Griechen wurden 1921 und1922 aus Vorderasien vertrieben, Ankara zur Hauptstadt erklärt und Sultan Mehmed VI., der immer mehr unter dem Einfluss der Alliierten gestanden hatte, wurde ins Exil gedrängt.

1923 wurde dann endlich das Abkommen von Lausanne geschlossen, gefolgt noch im selben Jahr von der Gründung der türkischen Republik und der Rückkehr der türkischen Herrschaft auch über das zuvor von den Alliierten kontrollierte Istanbul.

Mustafa Kemal begann, seinen ambitionierten Plan umzusetzen, die Türkei vom ehemals muslimisch-orientalisch geprägten Weltreich zu einem zwar kleineren, dafür aber modernen und vor allem weltlichen Staat zu machen. Die Reformen, die dem Gründer der Republik bald den Ehrennamen "Atatürk" einbrachten - "Vater der Türken" - waren weitreichend: Von der Abschaffung der arabischen Schrift über die Emanzipation der Frauen bis hin zur Industrialisierung und der Trennung zwischen Religion und Staat.

Um diese Säkularisierung zu beschleunigen, musste mit dem Erbe der jahrhundertealten osmanischen Herrschaft Schluss gemacht werden. Am 3. März 1924 schaffte Atatürk offiziell die Herrschaft der "Kalifen" ab. Die Türkei war nominell ein weltlicher Staat geworden.

Autor: Peter Philipp
   
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