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20.3.1965: "Satchmo" in Ostberlin
"I never had a bad tour. Even behind the Iron Curtain. In East Berlin they gave us pig's knuckles. They knew we liked them."
"Ich hatte nie eine schlechte Tournee. Auch nicht hinter dem Eisernen Vorhang. In Ostberlin bekamen wir sogar Schweinshaxen serviert. Die wussten, dass wir das mögen."

So kommentierte laut Michael Cogswell, dem Leiter des Louis Armstrong Museums in New York, der weltberühmte Jazzmusiker an seinen ersten Besuch in der Hauptstadt der DDR. Am 20. März 1965 trafen die Louis Armstrong All Stars, mittags von Prag kommend, auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld ein. Schon dort wurde Armstrong ein geradezu enthusiastischer Empfang bereitet. Die Berliner Jazz Optimisten stimmten zur Begrüßung "When it's sleepy time down south" für ihr Idol an.

"Dieser strahlt", erinnert sich der Rundfunkjournalist Karlheinz Drechsel an den Moment, "lässt einen Reporter mitten im Gespräch stehen, gesellt sich spontan zur Band und singt ohne Mikrophon sein Lied in die plötzliche, wie von Zauber erfüllte Stille. Ein mir unvergesslicher Moment."

"Wenn Du im Palast Dein Horn an die Lippen setzt, wirst Du Tausende begeistern", schrieb die Neue Zeit vor Armstrongs erstem Auftritt im Berliner Friedrichstadtpalast. "Satchmo kam, blies und siegte" titelte das Neue Deutschland nach dem ersten von insgesamt 15 ausverkauften Konzerten in der DDR.

In der überschäumenden Begeisterung mischte sich Musikalisches jedoch auch mit Außermusikalischem. So gab es am Rande der Tournee viele Gespräche über die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Und als Armstrong am Brandenburger Tor die Mauer gesehen hatte, soll er im Tourbus gesagt haben: "Welch grausame Härte und Pein für Millionen Menschen. Ich werde mein Bestes, mein Allerbestes geben, um sie glücklich zu machen, ja, das werde ich."

Der Musiker Armstrong verstand sich selber auch als Botschafter für ein menschliches Miteinander in einem Leben in Freiheit, wie Michael Cogswell vom Armstrong-Museum sagt:

"I'm sure that Louis was keenly aware of where he was and the significance of his presence there. Louis was very aware of the Civil Rights Movement of course but he felt he could do more for civil rights through his music and through his personality as opposed to marching and demonstrating. So my impression is he went behind the iron curtain with the same intent by the force of his personality, by the beauty of his music he could bring some good to the world."
"Louis war schon klar, wo er war und welche Bedeutung sein Besuch hatte. Auch die Rolle der Bürgerrechtsbewegung war ihm bewusst. Nur glaubte er, dass er mit seiner Musik und seiner Persönlichkeit mehr dafür tun konnte als mit Marschieren und Demonstrieren. Mit dieser Einstellung ging er auch hinter den Eisernen Vorhang. Mit seiner Ausstrahlungskraft und der Schönheit seiner Musik wollte er der Welt Gutes bringen."

Dass es 1965, im vierten Jahr der Mauer, überhaupt zu Armstrongs Besuch in der DDR kam, ist einem ungewöhnlichen Geschäft zu verdanken. Aufgrund der ziemlich mageren West-Valuta-Staatskasse wurden Louis Armstrong und seine Band mit Optikprodukten von "Zeiss Jena" bezahlt. Als Partner fungierten die "Staatliche Künstleragentur der DDR", die allein zur Durchführung internationaler Gastspiele befugt war, sowie eine Schweizer Agentur.

Louis Armstrong und seine Musiker wussten sich auch zu helfen, als sie feststellten, dass es in Ostberlin praktisch kein Nachtleben kann. Sie setzten sich in ihren Tourbus und machten sich auf den Weg gen Westberlin über den legendären Grenzübergang Checkpoint Charlie, erzählt Armstrongs Bassist Arvell Shaw:

"The first checkpoint is the Russian one in East Germany, They came and said 'where is your pass?' They came with the lights and these little machine guns. They looked and: 'Louis Armstrong, Louis Armstrong' And they let us go. And then we came to the checkpoint with the American soldiers. And they came 'how did you get trough here?' And they looked: 'Satchmo!' We're just going to have a drink. And they said 'go ahead man'. And every night we went between East Berlin with no pass, no nothing. And they waved us trough."
"Der erste Übergang war der russische auf ostdeutscher Seite. Sie wollten unsere Pässe sehen und standen mit ihren Taschenlampen und diesen kleinen Maschinengewehren im Bus. Dann kam ein Aufschrei wie aus einem Mund 'Louis Armstrong, Louis Armstrong'. Und sie haben uns einfach so durchgelassen. Als wir zum amerikanischen Übergang kamen, wunderten die sich, wie wir das geschafft hatten. Als sie Armstrong erkannten, riefen auch sie nur 'Satchmo!' Wir sind auf einen Drink unterwegs, meinten wir. Und auch sie ließen uns einfach so passieren. Wir sind dann jede Nacht ohne Pass, ohne irgendein Dokument hin- und hergegangen. Man winkte uns einfach durch."

Autor: Michael Kleff
   
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