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8.4.1904: Entente Cordiale
Am 8. April 1904 schlossen Paris und London einen überraschenden Bündnisvertrag, der die unterschiedlichen Interessen beider Länder in Afrika regelte. Eine Überraschung fürwahr. Schon 1890, einige Wochen nach Bismarcks Entlassung, hatte der deutsche Reichskanzler Leo von Caprivi über mögliche und unmögliche Allianzen sinniert: "Durch eine englische Allianz würde Russland das, was es von uns kostenfrei zu erhalten wünscht, nur durch Opfer an anderen Stellen gewinnen können und seine Beziehungen zu Frankreich voraussichtlich lockern. Eine Allianz aber, die England und Frankreich umschlösse, ist der englischen Interessen im Mittelmeer wegen durchaus unwahrscheinlich."

Allianzen

Das sah Frankreich ähnlich. Paris akzeptierte die deutsche Demütigung von 1871 nicht, was George Clemenceau 1893 zu der eindeutigen Erklärung führte: "Wir wollen, dass Russland, nachdem es der Spießgeselle unserer Niederlage war, das Werkzeug unserer vollständigen Wiederaufrichtung, das heißt unserer Revanche werde."

Von englischer Unterstützung kein Wort, denn England war ein zu großer Konkurrent. Mit den Staatsgründungen Italiens und Deutschlands zum Ende des 19. Jahrhunderts richtete sich nämlich das Augenmerk der europäischen Politik auf das außereuropäische Ausland. Besonders der afrikanische Kontinent, noch in den 1860er-Jahren weitgehend eine "terra incognita", wird Gegenstand von territorialen Bestrebungen. Aus dieser Zeit stammen Begriffe wie "Militarismus", "Imperialismus" und "Kolonialismus".

Kontrolle und Macht

1882 besetzt Frankreich das gesamte Algerien, Tunesien hat es schon ein Jahr zuvor zu seinen nordafrikanischen Besitzungen erweitert. Auch Italien will Tunesien für sich beanspruchen. Aufgrund der französischen Aktion konzentriert sich Großbritannien auf Ägypten und den Suez-Kanal, der eine weitgehende Verkürzung des Seeweges zur britischen Kolonie Indien darstellt. Auch in Südafrika, vor allem nach der Entdeckung von Gold- und Diamantenminen, versucht England, Fuß zu fassen.

Paris wiederum will ein Reich von Westafrika bis zum Indischen Ozean kontrollieren. Der englische Traum eines britischen Kolonialreichs von Kairo bis zum Kap bleibt unerfüllt: dazwischen liegen die ostafrikanischen Gebiete sowie Kamerun und Togo unter deutscher Regie und das immense Kongo in belgischer Hand. Portugal etabliert sich in Angola und Mozambique. Nur Italien und die einst mächtige Kolonialmacht Spanien unterhalten unbedeutende Kolonien in Afrika. Es geht um Macht.

Verträge und Abkommen

Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane schreibt 1897: "Der Kaiser hat eine Million Soldaten und will auch hundert Panzerschiffe haben; er träumt von einer Demütigung Englands. Deutschland soll obenan sein, in all und jenem."

1891 hatten die Vertreter Deutschlands, Österreich-Ungarns und Italiens einen Vertrag unterzeichnet, mit dem der 1882 vereinbarte Dreibund erneuert wurde. Die Antwort darauf war 1892 der Abschluss einer russisch-französischen Militärkonvention. Nach der Jahrhundertwende schließlich kommt es zu einem Neutralitätsabkommen zwischen Frankreich und Italien. Nur England wähnt sich noch in seiner dogmatischen "splendid isolation" aus der viktorianischen Zeit.

Im Prinzip sind zu dieser Zeit alle europäischen Staaten miteinander koalitionsfähig, selbst Frankreich und Deutschland, zwischen denen es 1893 für kurze Zeit sogar zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen die englische Politik in Afrika gekommen war.

Zusammenarbeit

Und dann diese gewaltige Überraschung: eine "Entente Cordiale" wird am 8. April 1904 besiegelt. Paris und London legen ihre kolonialen Streitigkeiten in Afrika bei und einigen sich auf eine enge politische Zusammenarbeit. Drei Jahre später erweitert sich das Bündnis durch den Beitritt Russlands zur Triple-Entente. Hiermit kann das mächtige Deutsche Reich noch mehr isoliert werden, was für die weitere Entwicklung der europäischen Geschichte im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg von 1914 nicht ohne Bedeutung bleiben wird.


Autor: Gérard Foussier
   
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