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15.4.1920: Sacco und Vanzetti
"There was on the outskirts of this town,/ Some bandits shot two pay clerks down,/ On old Pearl Street in South Braintree,/ They grabbed that money and rolled away./ Sacco and Vanzetti got arrested then/ On a trolley car by the plainclothesmen,/ Carried down to the Brockton jail/ And laid away in a lonesome cell."

Woody Guthrie singt über einen aufsehenerregenden Mord und einen Gerichtsfall, der das Vertrauen in das US-amerikanische Justizsystem nachhaltig erschütterte. Am 15. April 1920, wurden ein Wachmann und ein Buchhalter beim Überfall auf eine Schuhfabrik in South Braintree, Boston, im US-Bundesstaat Massachusetts ermordet. Knapp zwei Wochen danach wurden zwei italienische Einwanderer, der Schuhmacher Nicola Sacco und der Fischhändler Bartolomeo Vanzetti, verhaftet und als Täter beschuldigt. Beide waren politisch engagiert und verstanden sich selbst als Anarchisten.

Ihre Verhaftung fand zu einem Zeitpunkt statt, wo sich in den USA einerseits immer mehr Arbeiter in Gewerkschaften organisierten, um sich gegen ihre Ausbeutung zu wehren, und andererseits Regierung und die sogenannte öffentliche Meinung diese Entwicklung als kommunistischen Umsturzversuch ansah. Nach blutigen Streitigkeiten zwischen russischen Emigrantengruppen waren sogar Truppen nach Boston geschickt worden, weil man sie als ersten Schritt der Bolschewiken betrachtete, die Vereinigten Staaten zu erobern. Die aufgewühlten Emotionen gegen die Russen wurden auf die beiden armseligen Italiener übertragen.

Im Juli 1921 befand ein Geschworenengericht Sacco und Vanzetti nach einem Indizienprozess für schuldig und verurteilte sie zum Tode.

"Now, let me think, and let me see,/ How these two men were found guilty,/ How a hundred and sixty witnesses did pass by,/ And the ones that spoke for them was a hundred and five./ Out of the rest, about fifty just guessed,/ And out of the five that were put to the test,/ Only the story of one held true,/ After a hundred and fifty-nine got trough."

Trotz unsicherer Beweislage - so wurden Entlastungszeugen nicht gehört, wie hier in einem weiteren Lied von Woody Guthrie besungen - bestätigte eine Untersuchungskommission das Todesurteil gegen Sacco und Vanzetti. Der Fall löste eine internationale Protestwelle aus, deutete doch vieles darauf hin, dass die beiden Angeklagten Opfer einer Verwechslung waren und aufgrund ihrer politischen Einstellung keine faire Verhandlung erhalten hatten. Die amerikanische Botschaft in Paris wurde durch ein Bombenattentat bedroht, die US-Gesandtschaft in Havanna musste um Polizeischutz bitten, und im Haus des Gouverneurs von Massachusetts explodierte eine Bombe.

Dennoch wurden Sacco und Vanzetti nach wiederholter Verschiebung der Urteilsvollstreckung am 23. August 1927 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Vergeblich hatten beide in einem Brief an Gouverneur Fuller zuvor noch einmal ihre Unschuld beteuert und ihn aufgefordert, sie freizulassen. Sie baten nicht um Gnade, da dies einem Schuldanerkenntnis gleichgekommen wäre.

"Your Excellency, we're not asking pardon, but asking to be set free/ With liberty, and pride, sir, and honor, and a pardon we will not receive;/ A pardon you´ve given to criminals who´ve broken the laws of our land;/ We do not ask you for pardon, sir, because we are innocent men."

Bis heute ist das Urteil gegen Sacco und Vanzetti umstritten und Gegenstand zahlreicher Bücher. Edmund M. Morgan, Jurist an der Harvard-Universität in Cambridge hat versucht, ein klares Bild von den Vorgängen in dem Prozess zu gewinnen. Er kam 1948 zu dem Ergebnis, dass an den beiden Angeklagten ein Justizmord verübt worden sei. Beide seien "das Opfer einer kranken Gesellschaft gewesen, geprägt von Vorurteil, Chauvinismus und Bösartigkeit".

Autor: Michael Kleff
   
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