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16.4.1943: Erster LSD-Rausch
Jimi Hendrix soll immer eine Dosis hinter seinem Schweißband gehabt haben, und die Beatles widmeten ihr gleich eine Hymne: Lucy in the Sky with Diamonds - LSD. (Umstritten ist allerdings, ob sich hinter dem Songtext tatsächlich eine Abkürzung für die Droge zu vermuten ist.) Die drei Buchstaben lassen Bilder entstehen von seltsam lächelnden, langhaarigen jungen Menschen, angezogen mit Häkelleibchen in Regenbogenfarben und Blumen im Haar. LSD, die Modedroge der 1960er Jahre.

Entdeckt wurde LSD am 16. April 1943. Ein Schweizer Chemiker fuhr die Fahrradtour seines Lebens: "Schon auf dem Heimweg mit dem Fahrrad nahm mein Zustand bedrohliche Formen an. Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel."

Albert Hofmann heißt der Wissenschaftler der Schweizer Firma Sandoz. Ohne es zu wissen, hatte er sich den ersten LSD-Rausch der Geschichte verpasst. Zu Hause angekommen wird alles nur noch schlimmer. Die Nachbarsfrau, die ihm Milch bringt, erkennt er kaum noch. Das war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze:

Albert Hofmann: "Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ichs aufzuhalten, schienen vergeblich. Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper Besitz ergriffen. Die Substanz, mit der ich experimentieren wollte, hatte mich besiegt. Eine Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich. Ich war in eine andere Welt geraten, in andere Räume mit anderer Zeit."

Kein Wunder: Da der Forscher keine Ahnung von der richtigen Dosierung seiner Entdeckung haben konnte, hätte die selbst verabreichte Menge des Lysergsäure-Diäthylamid gleich für zehn "Trips" gereicht. Hofmann war auf der Suche nach einem Kreislauf stimulierenden Mittel und war dabei auf das Mutterkorn gestoßen, ein Pilz, dessen Kräfte schon immer Faszination und Schrecken gleichermaßen ausgelöst haben. Der Mutterkornpilz, der bevorzugt im Roggen wuchert, löste im Mittelalter Seuchen aus. Gelangte das Mutterkorn ins Brot, führte es zu Vergiftungen aber auch zu geistigen Veränderungen. "Gottesrache" nannten die Menschen des Mittelalters die Krankheit.

Gleichzeitig wusste man aber auch um die positiven Eigenschaften. Der Mutterkornpilz wurde z. B. als blutstillendes Mittel bei Geburten eingesetzt. An diesem 16. April der Jahres 1943 verflog dann langsam aber sicher der Dämon, die Panik wich dem Genuss. Hofmann staunte über das "unerhörte Farben- und Formenspiel, das sich hinter verschlossenen Augen abspielte".

Albert Hofmann: "Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte, phantastische Gebilde auf mich ein."

Was eben dazu führte, dass LSD zu einer zentralen Säule der psychedelischen Bewegung der 1960er Jahre werden konnte. Das Bewusstsein wird nicht außer Kraft gesetzt, sondern sogar noch geschärft. Hofmanns Arbeitgeber Sandoz versuchte mit LSD - natürlich - Geld zu verdienen. Zunächst wurde es ausgewählten Wissenschaftlern zur "seelischen Auflockerung bei der analytischen Psychotherapie" angeboten. Dann kam es unter dem Namen "Delysid" auf den Markt. Auf dem Beipackzettel war zu lesen, dass das Medikament Halluzinationen und das "Bewusstwerden verdrängter Erlebnisse" erzeuge. Die Einsatzgebiete waren Angst und Zwangsneurosen.

Und wirklich wurde es immer häufiger eingesetzt. Aber nicht nur bei Kranken. denn das "Bewusstwerden verdrängt Erlebnisse", das war gleichsam das Programm der alternativen Bewegung der 1960er Jahre. Und nicht nur das: schon Mitte der 1950er Jahre versuchte der CIA sämtliche LSD-Bestände von Sandoz aufzukaufen, als Wahrheitsdroge bei besonders verstockten Klienten.

Zur echten Massendroge, zum Genussmittel im wahrsten Sinne des Wortes, konnte LSD dann Anfang der 1960er werden, als das letzte Sandoz-Patent auslief. Die Wunderdroge für jedermann - propagiert von den Medien, von Schriftstellern wie Aldous Huxley und natürlich durch den Rausch-Guru schlechthin: Den US-amerikanischen Professor Timothy Leary, der LSD als eine Art Königsweg pries. Ein Königsweg zu einem neuen, geläuterten Bewusstsein.

Bald aber häuften sich dann Geschichten über die Schattenseiten der psychedelischen Subkultur. Berichte von mörderischen Horrortrips, die davon zeugten, wie sich LSD-Konsumenten von Brücken stürzten, weil sie glaubten fliegen zu können. Andere Langzeitkonsumenten landeten in der Psychiatrie.

Als "mein Sorgenkind" hat Albert Hofmann seine Entdeckung später bezeichnet, aber nicht vergessen darauf hinzuweisen, dass man eigentlich zwei Leben haben müsse: Eines ohne und eines mit LSD.

Autor: Ramón García-Ziemsen
   
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