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20.4.1920: Dada-Skandal in Köln
Hugo Ball: "Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, dass niemand bisher etwas davon wusste und morgen ganz Zürich davon reden wird."

Eigentlich sagt diese Einleitung zu Hugo Balls "Dadaistischem Manifest" noch nicht viel aus. Immerhin ist Ball der Gründer eines legendären "Cabaret Voltaire" in Zürich und damit der Keimzelle des Dadaismus überhaupt. Aufschlussreicher ist da schon, was Hans Arp, Jahre später ein berühmter Bildhauer, über eine Vorstellung in diesem "Cabaret Voltaire" schreibt:

"In einem kunterbunten, überfüllten Lokal sind einige wunderliche Phantasten auf der Bühne zu sehen, welche Tzara, Janco etc. darstellen. Wir vollführen einen Höllenlärm. Das Publikum um uns schreit, lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Wir antworten darauf mit Liebesseufzern, mit Rülpsen, mit Gedichten, mit 'Muh, Muh' und 'Miau, Miau'."

Was also ist "Dada"? Kann man es überhaupt beschreiben oder kann man es nur umschreiben? Günther Engels, vormals Feuilleton-Chef einer großen Kölner Tageszeitung, der sich intensiv mit der Kunstrichtung "Dada" beschäftigt hat, erläutert in diesem Zusammenhang:

"Kunst wird nicht mehr als Bildungsgenuss verstanden, sondern als Attacke auf die vermeintlich ewig währenden höheren Werte. In Frage gestellt wird die Kunst als Ware. Dada war ein Affront gegen die traditionelle Bildermalerei."

Und nicht nur das, der Dadaismus, diese radikalste Bewegung der damaligen europäischen Avantgarde, steht nicht nur in einer Gegenposition zur Politik und zur Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Dada steht auch denjenigen Kunstrichtungen entgegen, die fast synchron dazu verlaufen, also dem Kubismus, dem Futurismus und dem Expressionismus. Es gehört zum Avantgarde-Charakter des Dadaismus, dass er in seinen Manifestationen und Aktionen den Status von Kunst als etwas Besonderem und Bedeutendem zerstört. Die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst, der Gegensatz von künstlerischer Praxis und Lebenspraxis wird aufgehoben.

Zu den Hintergründen und der Entstehung des Dadaismus noch einmal Günther Engels: "Aus der gärenden, brodelnden Umbruchszeit des Ersten Weltkrieges, dieser 'großen Schweinerei', wie Max Ernst sie nannte, wurden die furiosen Dada-Attacken geboren. Diese abstruse Sturm- und Drang-Zeit war die Antwort der Jugend, der Jugend auf die verlogene Politik, die zum Weltkrieg geführt hatte."

In Köln gewinnt die dadaistische Geste gegen die tradierte Kunst eine spezifische Brisanz dadurch, dass die Kölner Dadaisten für ihre Manifestationen bewusst das organisatorische Modell des bürgerlichen Kunstbetriebs übernehmen, es aber ironisch unterlaufen. Wenn "Dada Zürich" zum Beispiel sein Zentrum zunächst im "Cabaret Voltaire" und später in der "Galerie Dada" hat, so verharrt man auf diese Weise eher am Rande des Kunstbetrieb.

Die Kölner Dadaisten - an ihrer Spitze der Maler Max Ernst - versuchen jedoch, ihre Ausstellungen im herkömmlich-musealen Rahmen zu veranstalten. Eine "Arbeitsgemeinschaft Bildender Künstler" plant im Kölner Kunstgewerbe-Museum eine juryfreie Ausstellung. Der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums interveniert jedoch mit den Folgen, die noch einmal Günther Engels beschreibt:

"Aus dem Kunstgewerbe-Museum am Hansaring wurden Ernst und Freund Baargeld (...) verjagt. Worauf die Ausgestoßenen den Lichthof im 'Brauhaus Winter' in der Schildergasse mieteten, mit Zugang durch die Herrentoilette. Einer Holzplastik gab 'Minimax' ein Beil bei mit der Aufforderung, das Zeugnis der Anti-Kunst zu zerstören."

"Minimax" nannte sich Max Ernst unter seinen Künstlerfreunden. Über die äußeren Umstände dieser Ausstellung schreibt die "Kölnische Volkszeitung":

"Anfangs ist der Raum etwas dunkel, so dass man den auf Rot gedruckten Katalog nicht lesen kann, doch wird es rechts um die Ecke heller, dafür regnet es einem hier aber auf den Kopf, so dass der vollendete Rundgang immerhin mit einigem Heroismus verbunden ist."

Max Ernst stellt mit 21 Arbeiten das Gros der Exponate. Jedenfalls wird auch dieses Spektakel am 20. April 1920 "wegen Pornographie, öffentlichen Skandals usw." von der Polizei geschlossen. Dass es dann wenig später wieder eröffnet wird, belegt die Harmlosigkeit der Veranstaltung. Den Ruhm und das Ansehen eines Max Ernst hat sie eher gefördert als beeinträchtigt.

Autor: Otto Busch
   
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