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22.5.1972: Erster US-Präsident in Moskau
Wohl kaum einer hätte sich 1968 als die Truppen des Warschauer Paktes in die damalige Tschechoslowakei einmarschierten vorstellen können, dass sich schon in naher Zukunft die beiden Großmächte der Weltpolitik wieder gemeinsam an einen Tisch setzen würden. Doch der letzte Höhepunkt des Kalten Krieges war zugleich auch der Beginn eines vorsichtigen Umdenkens.

Längst reichten die Waffenarsenale der beiden weltpolitischen Global Player USA und UdSSR aus, den Gegner völlig zu zerstören. Das Wettrüsten weiter zu treiben - das machte angesichts der gigantischen Fähigkeit zur Zerstörung auf beiden Seiten wenig Sinn.

Ein Weg zum Miteinander

Zu Beginn der 1970er-Jahre ging es um einen Weg zum Miteinander. Durch den Budapester Appell der Warschauer-Pakt-Staaten am 17. März 1969 wurden alle europäischen Länder zur Vorbereitung und Durchführung einer gesamteuropäischen Konferenz über Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa aufgefordert. Der KSZE-Prozess kam in Gang.

Gute drei Jahre später nahm man auch persönlich Tuchfühlung auf. Vom 22. bis zum 30. Mai 1972 reiste der US-amerikanische Präsident Richard M. Nixon nach Moskau. Es war der erste Besuch eines US-Präsidenten in der sowjetischen Hauptstadt. Als Vizepräsident hatte Nixon allerdings schon 1959 die UdSSR besucht.

Große Hoffnungen hatte Nixon zunächst auf den sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow gesetzt. Das unter Chruschtschow einsetzende diplomatische Tauwetter glaubt er auch weltpolitisch nutzen zu können. 1963 erläuterte er einem deutschen Reporter die außenpolitischen Ziele der USA für den Dialog mit Moskau: "Ich glaube, dass jetzt, wo Chruschtschow erkennen lässt, dass er grundsätzlich bereit ist, zu verhandeln, wir nicht nur den Atomversuchsstopp verhandeln sollten und über einen Nichtangriffspakt zwischen Ost und West, sondern dass wir diese Verhandlungen ausweiten sollten auf das Problem der Zwangsherrschaft in der Sowjetzone, in Ungarn, Polen und den anderen Ostblockstaaten."

Wechselhafter Kurs

Doch erst bei seiner Moskau-Reise im Mai 1972 unterschrieb Nixon jene Verträge, die zu wichtigen Grundsteinen der militärischen Balance zwischen Ost und West werden sollten. Sein Gesprächspartner in Moskau war Leonid Breschnew, dessen starrer innenpolitischer Kurs von den Russen als Zeit der "Stagnation" empfunden wurde.

Außenpolitisch verfolgte Breschnew einen wechselhaften Kurs: Während der sowjetische Staatschef einerseits eine Politik der Öffnung und Entspannung propagierte, im Verhältnis zum Westen befürwortete, sorgte die von ihm verabschiedete "Breschnew-Doktrin", durch die die sozialistischen Länder unter Gewaltandrohung dem Sowjetkommunismus verpflichtet wurden, im Westen für einen Aufschrei.

Breschnew wollte mit seiner Außenpolitik den unter Stalin geschaffenen Machtbereich absichern - sein außenpolitischer Kurs war in erster Linie politischer Pragmatismus, der die Erhaltung des Status Quo in Europa - die Festschreibung der Nachkriegsgrenzen - in Europa herbeiführen sollte.

Weitreichende Absichtserklärungen

Zu den wichtigsten Abschlüssen der Moskaureise Nixons gehörte der "ABM"-Vertrag. Durch ihn wurde die Zahl der Raketenabwehrstellungen auf zunächst zwei, später, 1974, auf eine Stellung reduziert. Durch das SALT-I-Abkommen wurde die Zahl der strategischen Offensivwaffen nach dem Prinzip der Gleichheit nach oben begrenzt. Nicht Abrüstung, aber zumindest eine koordinierte Rüstungssteuerung kam auf diese Weise zustande.

Über diese Abkommen hinaus verabschiedeten die Regierungschefs am 29. Mai die "Grundsatzerklärung über die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen": Mit ihr vereinbarten die beiden Weltmächte Gewaltverzicht und verpflichteten sich, keinen einseitigen Vorteil auf Kosten der anderen Seite anzustreben. Beide Vertragspartner sollten Konflikte und Situationen verhindern, die zur Erhöhung internationaler Spannungen führen könnten. Letztes Ziel der Bemühungen war die allgemeine und vollständige Abrüstung sowie die Errichtung eines wirksamen Systems der internationalen Sicherheit.

Das waren weitreichende Absichtserklärungen. In den folgenden Jahren wurden sie auf harte Proben gestellt: Die Konflikte in der sogenannten Dritten Welt schlugen auch auf das amerikanisch-sowjetische Verhältnis durch. Für Spannungen sorgten der Oktoberkrieg 1973 zwischen Ägypten und Syrien, die fortdauernde militärische Unterstützung Nordvietnams durch die Sowjetunion sowie die Befreiungsbewegungen in Mozambique und Angola.



Autorin: Ute Schaeffer
   
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