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13.6.1988: Entschädigung für Zwangsarbeiter
Die Diskussion im Jahr 2000 um die mangelnde Beteiligung der deutschen Wirtschaft am Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter zeigt: Obwohl 90 Prozent aller deutschen Unternehmen während des Nationalsozialismus Zwangsarbeiter beschäftigt haben, bekennt sich bis heute nur ein Teil von ihnen zur historischen Verantwortung.

Zu den Unternehmen, die diesen Teil ihrer Geschichte vergleichsweise früh angingen, gehört Deutschlands größter Rüstungs-, Automobil- und Elektronikkonzern Daimler. Bereits am 13. Juni 1988 beschloss die Daimler-Benz AG, insgesamt 20 Millionen Mark zugunsten ehemaliger Zwangsarbeiter zu zahlen.

Drei Jahre zuvor hatte der Konzern damit begonnen, die Unternehmensgeschichte während der Kriegsjahre - und damit auch das Thema "Zwangsarbeit" - historisch zu untersuchen. Historiker wurden mit einer entsprechenden Studie beauftragt.

Beate Brüninghaus hat sich als Historikerin mit diesem Teil der Unternehmensgeschichte intensiv befasst. Sie hält den Schritt der Unternehmensleitung 1988 für bedeutsam, denn:

Brüninghaus: "Es gab ja verschiedene Unternehmen, die bereits in den 50er und 60er Jahren Zahlungen an jüdische Organisationen geleistet haben. Diese Zahlungen waren aber vor allem aus Handelsinteresse geleistet worden, und Daimler-Benz hat 1988 ganz klar gesagt, sie wollten nicht nur finanzielle Leistungen erbringen, sondern auch im moralischen Bereich etwas tun. Und sie haben damals die 20 Millionen D-Mark nicht nur - wie bisher üblich- an jüdische Organisationen gegeben, sondern rund die Hälfte an nicht-jüdische Organisationen, damit auch die Zwangsarbeiter, die die Mehrheit ausgemacht haben und die nicht-jüdischen Glaubens waren, einen Teil dieser Mittel bekommen konnten."

Daimler-Benz hatte in den Jahren 1933 bis 1945 von der Arbeitsleistung der Zwangsarbeiter in großem Umfang profitiert. Seit 1941 produzierte Daimler-Benz fast ausschließlich Rüstungsgüter: Flugmotoren, Kraftfahrzeuge und Panzer, Schnellbootmotoren. Dem Unternehmen fehlten die Arbeitskräfte, die Männer im leistungsfähigen Alter waren bei der Wehrmacht. Daimler-Benz war auf die Arbeit der Zwangsarbeiter angewiesen:

Brüninghaus: "Sie konnten aber die Produktion, die sie während des Krieges infolge der nationalsozialistischen Aufrüstung erheblich ausweiten mussten, nur mit Hilfe der Zwangsarbeiter durchführen. Sie konnten nur mit Hilfe der Zwangsarbeit Gewinne erzielen."

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion verschärfte sich die Situation noch. Insgesamt wurden in den Kriegsjahren rund 46.000 Menschen zur Arbeit bei Daimler-Benz zwangsverpflichtet. Doch das war nur ein kleiner Teil der Zwangsarbeiter in Deutschland: Im Herbst 1944 arbeiteten in der deutschen Industrie und Landwirtschaft rund 7,7 Millionen ausländischer Zivilarbeiter und Kriegsgefangener und rund eine halbe Million KZ-Häftlinge.

Mit Beginn des Krieges hatte die nationalsozialistische Staatsführung die systematische Rekrutierung von Zwangsarbeitern in den von der Wehrmacht überrannten Gebieten West- und Osteuropas angeordnet; seit 1944 wurden vor allem Menschen aus der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert.

Die Lebensbedingungen der Arbeiter waren sehr unterschiedlich - je nachdem welcher Gruppe der jeweilige Arbeiter zugerechnet wurde. Die Nationalsozialisten hatten sich eine rassistisch geprägte Hierarchie entwickelt:

Brüninghaus: "An oberster Stelle, mit der vergleichsweise besten Behandlung, standen die westeuropäischen Zivilarbeiter, es folgten westeuropäische Kriegsgefangene, dann ost- und südeuropäische Zivilarbeiter, dann ost- und südeuropäische Kriegsgefangene und am Schluss - mit der schlechtesten Behandlung - standen die KZ-Häftlinge."

Viele Zwangsarbeiter bei Daimler-Benz gehörten zur Gruppe der Ostarbeiter. Sie lebten und arbeiteten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Seit dem Frühjahr 1944 wurde die Rüstungsproduktion des Daimler-Konzerns in unterirdische Gipsgruben, Salzbergwerke oder Tunnel der Reichsbahn verlegt, um feindlichen Luftangriffen keine Ziele zu bieten. Bis heute haben die meisten der damaligen Zwangsarbeiter das damals Erlebte vor Augen. In Interviews haben sie die alltäglichen Schrecken beschrieben.

Brüninghaus: "Sie haben sehr unter dem Hunger zu leiden gehabt, vor allem gegen Kriegsende. Sie haben unzureichende Kleidung gehabt und haben deshalb auch sehr unter der Kälte zu leiden - die meisten Baracken waren unbeheizt. Und dann hatte sie alle Angst vor Luftangriffen, die während der Kriegzeit zunahmen. Allein bei Daimler-Benz starben etwa 200 bis 300 Zwangsarbeiter durch Luftangriffe."

Ein ehemaliger Zwangsarbeiter erinnerte sich während der Interviews mit den Historikern an seine Kleidung, die mit einer zähen Schlammschicht bedeckt gewesen sei und buchstäblich auf der Haut verfaulte:

"Das Gewebe war so morsch geworden, das es beim Ausziehen einriss. Wir mussten in diesen dreckigen, fauligen Kleidern schlafen, arbeiten, essen und auf die Latrine gehen. Unsere Kunstlederschuhe mit der Holzsohle waren brüchig geworden, die Nähte rissen auf, die Holzsohlen lösten sich, dann fielen sie ganz ab. Mit alten Putztüchern, mit Draht aus der Grotte, versuchten wir das alles irgendwie zusammen zu halten, der Schlamm setzte sich darauf und machte daraus unförmige Gebilde, die immer schwerer wurden, und auf denen man sich nur noch unsicher und humpelnd bewegen konnte. Jetzt sahen wir wirklich aus, wie man auf den Propagandaplakaten die 'Untermenschen' dargestellt hatte."

Rechnet man die 20 Millionen Mark, die der Daimler-Konzern im Jahr 1988 zahlte, auf den einzelnen Zwangsarbeiter um, so war das nicht viel: pro Kopf gerade einmal 434 Mark. Ausgezahlt wurde das Geld allerdings nicht direkt an die Betroffenen. Es ging an karitative Stiftungen, die mit ehemaligen Zwangsarbeitern im Ausland arbeiteten. Deshalb war die Enttäuschung bei vielen Zwangsarbeitern groß. Sie hatten gehofft, dass ihre Ansprüche individuell berücksichtigt würden.

Für den Daimler-Konzern aber bedeutete die Zahlung von 1988 nicht, das Kapitel "Entschädigung" zu schließen: 1999 gehörte das Unternehmen gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft.

Autorin: Ute Schaeffer
   
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