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16.7.1982: Startschuss für Kabelfernsehen
Privates Fernsehen sei die Pest für jede Kultur und sogar gefährlicher als die Kernenergie, meinte Bundeskanzler Helmut Schmidt.

1980 war die Einführung von privaten Fernsehprogrammen Wahlkampfthema Nummer Eins. Wer neben den zwei staatlichen Fernsehanstalten ARD und ZDF kommerzielle Betreiber zulassen wolle, gefährde die Grundstrukturen einer demokratischen Gesellschaft, bringe die Meinungsvielfalt in Gefahr und schade der Familie durch Reizüberflutung, so die Argumente der regierenden SPD und FDP.

Selbst die CDU ist zerrissen, aber in der Mehrheit doch für zusätzlichen Programmangebote. Der Zuschauer solle von ARD und ZDF nicht bevormundet werden, sondern die freie Auswahl haben.

Nur, der Zuschauer selbst wurde in der gesamten Diskussion kaum befragt. Medienpolitik war schon immer Parteiensache.

Nachdem Anfang der 1970er Jahre die Technologie der Kabel- und Satellitenkommunikation aufkam, begann in Deutschland eine einzigartige Auseinandersetzung, die bis heute typisch ist für Zukunftsentscheidungen. Sie waren damals geprägt von Angst. Angst vor mächtigen Konzernen, die die Massen manipulieren könnten. Angst vor der Bevölkerung, dass sie sich von den Programmen abwenden könnten, die über Rundfunkräte von den Parteien kontrolliert wurden.

Inzwischen wirkt der politische Streit um die Zulassung von Privatfernsehen geradezu skurril und bizarr. Enquete-Kommissionen prüften die Technik, die möglichen Veranstalter, die gesellschaftlichen Auswirkungen. Nach über 60 Sachverständigenanhörungen in zwei Jahren entstanden 136 Aktenordner und eine Empfehlung für den technischen Ausbau eines bundesweiten Kabelsystems. Für das Privatfernsehen gäbe es allerdings (Zitat) "keinen ausgeprägten, drängenden Bedarf".

Weil sich so gar nichts bewegen wollte, starteten Zeitungen und einige Lokalpolitiker kleine halbstündige Regionalsendungen, die von Amateuren gedreht und auf Videokassetten in Kneipen und Bahnhöfen verteilt, abgespielt wurden. Das fand soviel positives Echo, dass bald Entscheidungen auf höchster Ebene anstanden.

1981 schließlich setzte sich das Bundesverfassungsgericht über alle bis dahin ergangenen Gerichtsentscheidungen gegen Privatfernsehen hinweg und entschied zugunsten aller, die bereits sehnsüchtig darauf warteten, einmal ganz anderes Fernsehen zu machen. Bunte Unterhaltung statt sauertöpfischer Belehrungsprogramme.

Leo Kirch, damals Europas größter Filmhändler, witterte Morgenluft genauso wie Zeitungsverlage, die Wirtschaft und nicht zuletzt die vom Arbeitsplatzabbau bedrohten Firmen wie AEG und Siemens, die von der bundesweiten Verkabelung profitieren sollten.

Rund drei Jahre dauerte die Einrichtung technischer Möglichkeiten. Nach der positiven Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wurde am 16. Juli 1982 das Kabelpilotprojekt AKK in Ludwigshafen unterzeichnet. Eineinhalb Stunden Nachrichten von drei Sprechern gelesen, ohne Bilder, peinliche Showeinlagen von örtlichen Künstlern und 20 Stunden Bildschirmzeitung, so begann in Deutschland 1984 das Kabel- und damit das Privatfernsehen.

Ein Jahr später, 1985, schlossen sich über 160 Verleger zusammen, um mit Sat 1 die Nation mit einem bunten Strauss aus Unterhaltung, Spaß und Informationen zu beglücken.

Im gleichen Jahr beschloss der Medienkonzern CLT das in Luxemburg produzierte RTL-plus Programm nach Köln zu verlegen. Die Mannschaft von RTL plus hatte zuvor privaten Hörfunk gemacht und hatte als einzige begriffen, was Privatfernsehen wirklich heißt. Mit blanken Busen in Spielshows und reißerischen Berichten über Prominente, Sex, Verbrechen und Skandale startete das Programm, von dem selbst die Macher glaubten, ARD und ZDF nie Konkurrenz machen zu können.

Sie konnten. Nachdem 1984 gerade einmal 20.000 Haushalte zusehen konnten, es kaum Werbeeinnahmen gab, erreicht der Umsatz von RTL im Jahr 2000 schon über 1,5 Milliarden Euro. Das Privatfernsehen, eigentlich nur von zwei großen Konzernen betrieben, nämlich von Springer und Bertelsmann, erzeugte immer mehr Programme und erfreut heute ein Millionenpublikum.

Wer sich heute das deutsche Privatfernsehen ansieht, durch das Programm zappt, wie man sagt, der muss den Kritikern der 1970er Jahre in einem Punkt recht geben: Das Privatfernsehen bietet nicht mehr Vielfalt sondern immer mehr von immer demselben. Über die Auswirkung auf die Gesellschaft streiten Wissenschaftler noch. Von Verblödung ist die Rede und von einer erhöhten Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen - keiner hat Beweise.

   
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