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4.8.1964: Bombardierung Nordvietnams beginnt
Es ist eine mondlose Nacht über dem Golf von Tonkin. Durch die Gewässer vor der nordvietnamesischen Küste kreuzen die Zerstörer "Maddox" und "Turner Joy". Die beiden Kriegsschiffe sind auf Patrouillenfahrt.

Zwei Tage zuvor, am 2. August, war die "Maddox" von nordvietnamesischen Schnellbooten mit Torpedos und Bordfeuerwaffen angegriffen worden. Dies war die Antwort Hanois auf den tags zuvor erfolgten südvietnamesischen Beschuss seiner Insel Hon Me.

Die Geschichte vom vietnamesischen David und US-amerikanischen Goliath nimmt in der Nacht des 4. August 1964 seinen Lauf. Ein Weg in die Katastrophe. Die Führung in Washington, sie hätte durch Rückzug des Zerstörers deeskalieren können, entscheidet sich für Konfrontation.

Längst ist die US-amerikanische Verstrickung in den Konflikt tiefer, als es die Öffentlichkeit ahnt - an den jahrzehntelangen Krieg in Indochina hat man sich gewöhnt. Für die Menschen in den USA ist der Krieg weit weg. Die Militärs aber drängen, und die Ereignisse im Golf von Tonkin in diesen ersten August-Tagen des Jahres 1964 bieten einen willkommenen Anlass, längst fertige Pläne aus den Schubladen zu holen, sie in die Tat umzusetzen, Hanoi das Fürchten zu lehren und die Entschlossenheit der Weltmacht USA zu demonstrieren.

Eine Maxime des Handelns ist klar und verstellt gleichwohl den Blick: die Domino-Theorie. Robert S. McNamara ist zu jener Zeit US-amerikanischer Verteidigungsminister:

McNamara: "Weil wir fürchteten, dass die Dominosteine fallen, wenn wir Vietnam verlieren, und dass die Sowjets und Chinesen die Kontrolle über Asien ergreifen und die Sicherheit der USA und es Westen gefährden, konnten wir das unmöglich tun."

Was genau in der Nacht vom 4. auf den 5. August im Golf von Tonkin geschah, ist bis heute umstritten. Minutiös schildert McNamara in seinen Erinnerungen die Reaktion eben dieser Weltmacht auf ein Ereignis, das mit großer Wahrscheinlichkeit nie stattgefunden hat.

Als sich die Abenddämmerung über die vietnamesische Küste senkt, meldet der Zerstörer "Maddox", es scheine ein Angriff durch nicht identifizierte Schiffe unmittelbar bevorzustehen. Und eine Stunde später, sie habe Radarkontakt mit drei nicht identifizierten Schiffen.

Die Lage ist mehr als unübersichtlich. Tief hängende Wolken und Gewitter sorgen für extrem schlechte Sichtbedingungen. Die beiden Zerstörer melden über Funk Torpedo-Angriffe, Turbulenzen im Wasser, feindliche Cockpitlichter, Suchscheinwerfer sowie Radar- und Echolotkontakte. Die "Maddox" und die "Turner Joy" feuern aus allen Rohren. - Auf wen? Worauf?

Es kommen sofort Zweifel an einem erneuten nordvietnamesischen Angriff auf. Er erscheint einfach unsinnig. Waren es falsche Analysen übereifriger Radarexperten? Jahre später noch wird ein Pilot, der in dieser Nacht auf dem Flugzeugträger "Ticonderoga" Dienst tat und die beiden Zerstörer überflog, aussagen, er habe keine nordvietnamesischen Schiffe gesichtet und von einem Angriff nichts bemerkt.

Doch die Zweifel werden weggewischt. Vergeltung ist das Thema. Zwölf Stunden nach der ersten Funkmeldung am 4. August 1964, um 19.22 Uhr Washingtoner Zeit, erhalten die in der Nähe kreuzenden Flugzeugträger "Ticonderoga" und die "Constellation" vom Präsidenten der Vereinigten Staaten die Genehmigung zur Bombardierung.

64 Einsätze gegen Stützpunkte nordvietnamesischer Patrouillenboote und ein dazugehöriges Ölversorgungsdepot werden geflogen. Eine angemessene, begrenzte Aktion einer Weltmacht. So möchte die Johnson-Administration es selbst gern glauben. Am 7. August bringt sie eine bereits Wochen zuvor formulierte Resolution in den Kongress ein, der sie mit zwei Gegenstimmen verabschiedet. Sie ermächtigt den Präsidenten "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Angriffe zurückzuschlagen und um künftige Aggressionen zu verhindern."

Der Weg in die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten. An seinem Ende, elf Jahre später, werden zwei Millionen Vietnamesen tot sein und 58.000 US-amerikanische Soldaten ihren Einsatz in einem nicht zu gewinnenden Krieg mit dem Leben bezahlt haben.

Und der ehemalige Verteidigungsminister, vom Saulus zum Paulus gewandelt, Robert S. McNamara wird sagen: "Wir haben uns geirrt. Ich habe mich geirrt. (...) Wir handelten nach dem, was wir für unsere Tradition und unsere Werte hielten, um dies künftigen Generationen erklären zu können. Damit sie nicht dieselben Fehler machen würden. Aber wir haben geirrt."

Autorin: Christa Kokotowski
   
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