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5.8.1942: Ermordung von Janusz Korczak
"Janusz Korczak war ein Mensch,
körperlich klein und zart, er war
humorvoll und warmherzig,
voll hinreißender Ideen,
witzig und selbstironisch,
eigenwillig und schwierig,
aber auch einsam und traurig.
Er lebte sein Leben bis zur letzten Konsequenz!
Der polnische Arzt, Erzieher, Reformpädagoge lebte und starb für die Kinder.
Janusz Korczak schrieb für Kinder,
lebte mit den Kindern,
starb mit den Kindern.
Sein Leben und sein Tod sind heute Teile der jüdischen Legende." So sagte es der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel zu Janusz Korczaks 100. Geburtsjahr 1978.

Geboren als Henryk Goldszmit in Warschau und ganz im liberalen Geist der jüdischen Aufklärungsbewegung Haskalah aufgewachsen, verlässt er frühzeitig sein bürgerliches Milieu. Als Sohn eines polnisch-jüdischen Anwalts entscheidet er sich dennoch für ein Medizinstudium. Obwohl ihm ein unaufhaltsamer internationaler akademischer Aufstieg bevorsteht, wählt er einen anderen Weg: Er will den Armen und Waisen in den Elendsvierteln Warschaus helfen.

Schon als kleiner Junge verlässt er heimlich das Elternhaus, um mit den armen Kindern in den Hinterhöfen zu spielen. Parallel zu seiner Entscheidung gegen eine bürgerlich-private Karriere, für ein Leben mit sozial benachteiligten Kindern verläuft auch sein Namenswechsel: Aus Henryk Goldszmit wird Janusz Korczak.

Das Pseudonym entnahm er einem beliebten polnischen Roman des 19. Jahrhunderts: Die Geschichte über Janasz Korczak und die schöne Schwertfegerin. Der Drucker machte versehentlich aus einem Janasz einer Janusz Korczak - und dabei blieb es.

Dom Sierot - Haus der Waisen

Ab 1911 leitet Korczak das nach seinen Plänen errichtete Waisenhaus Dom Sierot in Warschau. Dom Sierot, das heißt "Haus der Waisen". Hier entwickelt er aus der Praxis heraus seine Vorstellungen von Erziehung als Utopie von einer friedfertigen klassenlosen Gesellschaft, denn für ihn war die Welt bisher in zwei Klassen eingeteilt: in Erwachsene und Kinder. Und zwischen beiden herrscht ein Kampf - allerdings ein Kampf von Ungleichheit, denn die Kinder sind in diesem Kampf hoffnungslos unterlegen.

Neben seinem ungewöhnlichen Engagement für Kinder kämpft er auch als Publizist mit fast schon an Fanatismus grenzender Leidenschaft für die Sache des Kindes. Über Kindererziehung, zur physischen und psychischen Eigenart des Kindes oder zur notwendigen Gleichberechtigung schreibt er penibel seine Gedanken und Erfahrungen auf. Korczak publiziert unter schwierigsten Umständen: während der Gefechtspausen im Ersten Weltkrieg, nach einen langen Arbeitstag, hungrig oder krank.

Neben pädagogischen Abhandlungen schreibt Korczak auch Prosa. Der Roman "Kind des Salon" weist viele autobiografische Züge auf: Korczak, ein gutbürgerlich erzogenes Salonkind, vor schlimmen Erfahrungen und Entbehrungen wohlbehütet, war getrieben von Wahrheits- und Seinssuche. Zornig über die sozialheuchlerische Verlogenheit der Besitzenden sucht er die Lebenswelt der Benachteiligten.

In seinem Warschauer Waisenhaus Dom Sierot realisiert er seine Vorstellungen von einer demokratischen Kinderrepublik. Dort gibt es ein Parlament, ein Kindergericht, eine Kinderzeitung und viele andere Institutionen, mit denen und in denen Kinder und Erzieher lernen können, so miteinander zu leben, dass eine Gruppe nicht die andere unterdrückt und dominiert.

Außer Heimleiter, Arzt und Literat war Janusz Korczak Mitarbeiter beim Polnischen Rundfunk, Leiter einer Versuchsschule, Herausgeber einer Kinderzeitung und Dozent an polnischen Hochschulen. Nach Kriegsausbruch 1939 zieht er seine polnische Offiziersuniform wieder an, die er als Militärarzt getragen hatte und demonstriert auf diese Weise seine Loyalität mit dem angegriffenen polnischen Volk.

Das Warschauer Ghetto und Treblinka

Als 1940 in Warschau das Ghetto errichtet wird, muss das Jüdische Waisenhaus ebenfalls in ein Haus innerhalb der Ghetto-Mauern ziehen. Dort leben Korczak und seine 200 Kinder unter unsäglichen Bedingungen, bis die Nationalsozialisten am 22. Juli 1942 mit der Massentötung der Bevölkerung des Ghettos durch die sogenannte Umsiedlung in das Vernichtungslager Treblinka beginnen.

Am Mittwoch, den 5. August 1942, kommt die Reihe an das bis dahin verschonte Waisenhaus von Korczak. Der alte Doktor, wie er gerne genannt wurde, hatte wiederholt die Möglichkeit gehabt, sein Leben zu retten. Aber das lehnte er entrüstet ab.

Alle Kinder gehen in Viererreihen. An der Spitze geht Korczak. Er blickt zum Himmel, zwei Kinder hat er an der Hand. So führt er den Zug. Ein organisierter, stummer Protest gegen die Nationalsozialisten.

In seinen letzten Tagebuchaufzeichnungen, kurz vor seinem Todesmarsch in die Gaskammern, schrieb Korczak: "Ich wünsche niemanden etwas Böses. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie man das macht. Vater unser, der du bist im Himmel. Hunger und Unglück haben dieses Gebet gemacht. Unser tägliches Brot. Aber das, was ich ertrage, ist doch wirklich gewesen. Es ist gewesen."



Autorin: Doris Bulau
   
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