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9.8.1896: Otto Lilienthal stürzt ab
9. August 1896, am Hang des Gollenbergs bei Stölln, etwa 60 Kilometer nordwestlich von Berlin. Der Wetterdienst in Potsdam meldete ein stabiles Sommerhoch bei 20 Grad, darunter Wind.

Damals soll Paul Beylich, der Mechaniker Otto Lilienthals, zu Lilienthal gesagt haben: "Ich weiß nicht Otto, das Wetter ist zwar schön, aber der Wind macht mir Sorgen, lass uns morgen weitermachen."

Und Otto Lilienthal soll geantwortet haben: "Oh nein, noch einen letzten Flug, dann machen wir Feierabend."

"Jeder muss Opfer bringen"

Paul Beylich konnte ihn nicht aufhalten: Otto Lilienthal in Kniebundhose und Baumwollhemd stieg in das Geschirr seines Segelflug-Apparates aus Weidenruten und Baumwollstoff. Es ging einige Schritte Hang abwärts, dann hob er ab. Er hatte einen guten Start und glitt langsam ins Tal. Doch plötzlich - eine unerwartete, heftige Bö - Lilienthal verlor die Kontrolle, das Fluggerät kippte nach vorne und stürzte aus über 15 Metern Höhe ab.

Nach dem Unfall sagte Beylich: "Ja bringt ihn hier herein in die Gaststube und legt ihn aufs Feldbett dort." Und Lilienthal meinte: "Ich werde mich ein bisschen ausruhen und dann weitermachen, ich habe fast keine Schmerzen."

Otto Lilienthal spürte so gut wie nichts, denn sein Unterkörper war gelähmt, seine Wirbelsäule gebrochen. "Jeder muss Opfer bringen" - das sollen seine letzten Worte gewesen sein. Lilienthal starb einen Tag nach seinem Unfall, am 10. August 1896.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst

Sein jüngerer Bruder Gustav war bei dem Absturz nicht dabei. Mit ihm bastelte Otto Lilienthal schon als 14-Jähriger Flügel aus Holz und versuchte damit zu fliegen, so wie sie es beide bei den Störchen an der Peene beobachten konnten.

Akribisch beobachtete Lilienthal Möwen und Störche, zog sogar Jungvögel auf, um den Flügelschlag noch besser untersuchen zu können. Wie kein anderer versuchte Lilienthal zu begreifen, weshalb Vögel fliegen können und kam nach und nach einem wichtigen Grundprinzip der Aerodynamik auf den Grund, nämlich dem Auftrieb - ein Thema, über das die Physiker damals fast nichts wussten.

Er erkannte, dass Flügel gewölbt sein müssen, um im Luftstrom nach oben zu steigen. 1889 erschien sein Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" und wurde zum wichtigsten Nachschlagewerk des 19. Jahrhunderts. Dann, nach viel Theorie und zahlreichen Trockenübungen - an einem Sommertag 1891 ging für Lilienthal der Traum vom Fliegen endlich in Erfüllung. Ein Tag, über den der französische Flugpionier Ferdinand Ferber folgendes sagte: "Der Tag des Jahres 1891, an dem Lilienthal die ersten 15 Meter in der Luft durchmessen hat, gilt für mich als der Augenblick, in dem die Menschheit das Fliegen erlernte."

Gleiter wie riesige Fledermäuse

In den folgenden fünf Jahren folgte Flug über Flug. Bis zu seinem Tod unternahm Otto Lilienthal mehr als 3000 Versuche, manchmal 80 an einem Tag, verstauchte Füße und lädierte Arme waren an der Tagesordnung. Doch mit der Zeit schaffte Lilienthal Gleitflüge von bis zu 250 Metern, mit 18 verschiedenen Flugapparaten.

Seine größten Doppeldecker hatten eine Spannweite von sieben Metern. Und Lilienthal machte Geschäfte mit ihnen. Sozusagen als erster Flugzeugfabrikant verkaufte er seine Flugapparate in alle Welt: Er inserierte: "Segelapparate zur Übung des Kunstfluges für 500 Mark zu haben." Zu jedem Gleiter, die aussahen wie riesige Fledermäuse, gab es folgenden Beipackzettel: "Also bedenken Sie, dass Sie nur ein Genick zum Zerbrechen haben."

Otto Lilienthal kannte die Gefahr, in die er sich ständig begab. Doch seine Leidenschaft, sein Forscherdrang, war größer als die Angst. Ausgerechnet als er sich besonders sicher fühlte, schon relativ erfahren war, stürzte er ab. Man kann sogar sagen, er starb in seiner Freizeit, denn hauptberuflich führte er ein arbeitsames, bürgerliches Leben. Er war Ingenieur, Maschinenbauer, Erfinder, Fabrikant, Unternehmer - und Vater von vier Kindern. Und einmal meinte er sichtlich genervt: "Ich bin Familienvater und habe schließlich noch andere Pflichten, als für die Menschen das Fliegen zu erfinden."

Doch ob er wollte oder nicht, er hat es erfunden.

Autorin: Judith Hartl
   
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