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14.8.1945: Pétain zum Tode verurteilt
"Führen Sie den Angeklagten herein!", befiehlt der Vorsitzende.

Der Prozess gegen Marschall Henri Philippe Pétain, den Führer des vier Jahre währenden Vichy-Regimes, beginnt, und im Saal der Ersten Kammer des Pariser Appellationsgerichtshofes spielt sich Erstaunliches ab: In einer kleinen Tür erscheint die farbige Silhouette des Angeklagten; die khakifarbene Uniform, Militärmedaille, das Degengehenk aus Seide, die weißen Handschuhe.

Der Mann, der des Hochverrats beschuldigt wird, der mit Schmach und Schande beladen ist, er grüßt unter seiner goldenen Mütze majestätisch die Runde. Und dann erleiden alle Anwesenden - und fast alle sind ihm feindlich gesinnt - sie erleiden durch seine Gegenwart so etwas wie einen magnetischen Schock: In einer einzigen Bewegung erheben sie sich ehrerbietig von ihrem Plätzen.

Diese Szene ist bezeichnend für die Figur und Bedeutung Pétains. Mit fester Stimme verliest er eine Erklärung:

Pétain: "Ein Marschall von Frankreich bittet niemanden um Gnade. Gott und die Nachwelt werden Ihr Urteil prüfen. Das genügt für mein Gewissen und für meinen Nachruhm. Ich verlasse mich auf Frankreich."

Pétain verlässt sich auf Frankreich und steht am Schluss alleine da. Denn Charles de Gaulle hat Angst, die Nation zu spalten. Frankreich ist von Deutschland gedemütigt worden, wird von den Alliierten belächelt und als Vierter im Bunde nur manchmal geduldet. Vichy ist das Symbol für die Demütigung, eine klaffende Wunde im Selbstverständnis der französischen Nation, und Pétain ist der Vertreter Vichys.

Er wird vom Nationalhelden zum Sündenbock, die Staatsräson fordert ein Opfer. Und das, obwohl Pétain die große Vaterfigur ist. Ein Angehöriger der Armee formuliert: "De Gaulle wird Pétain zum Tode verurteilen und hinrichten lassen. Das wäre Vatermord."

Denn Pétain wird von den meisten Soldaten verehrt. Der 1856 geborene Bauernsohn hat eine beachtliche Militärlaufbahn hinter sich. Die Spitze seines Ruhmes erreicht er 1916, als ihn ganz Frankreich wegen seiner erfolgreichen Verteidigung der Festung als "Retter von Verdun" bejubelt. Pétain erhält zum Dank den Marschallstab und wird Oberbefehlshaber aller französischen Armeen.

Nach dem Ersten Weltkrieg - seit 1922 zum Generalinspekteur der Armee ernannt - ist Pétain einer der populärsten Männer Frankreichs. Obwohl er die Altersgrenze längst überschritten hat, behält er seine hohen militärischen Stellungen bei und übernimmt 1934 das Kriegsministerium.

Als im März 1940 die deutschen Truppen mit dem Sichelschnitt durch die Ardennen ihr westliches Nachbarland quasi im Handstreich nehmen, wird der Ruf nach dem "Retter" wieder laut: Im Juni 1940 übernimmt Pétain im hohen Alter von 86 Jahren die Regierungsgeschäfte und zieht wenige Tage später die Konsequenzen aus dem verlorenen Krieg: Im Wald von Compiègne, in dem berühmten Eisenbahnwaggon, in dem Deutschland die Versailler Verträge unterschrieben hatte, schließt Pétain mit Hitler einen Waffenstillstand ab.

Als Resultat wird Frankreich gespalten in einen besetzten und einen freien Teil, den "Etat Français", mit einem neuen Regierungssitz in der mittelfranzösischen Stadt Vichy. Pétains Herrschaft als Chef des "Etat Français" erlaubt ihm lediglich Schadensbegrenzung.

Er fährt einen undurchsichtigen Doppelkurs von Verweigerung und Kollaboration, unter anderem duldet er die Judendeportationen. Er fördert bäuerliche und patriarchale Strukturen und geht in dieser Hinsicht mit der nazideutschen Blut-und-Boden-Ideologie konform.

Es gelingt Pétain, Frankreich aus Hitlers Kriegsplänen herauszuhalten und den Kontakt mit den Alliierten nie abreißen zu lassen, bis diese 1944 Frankreich befreien. Pétain endet als Flüchtling vor den siegreichen Invasionsarmeen. Auf deutschem Boden führte er in den letzten Monaten ein Schattendasein und kehrt nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands über die Schweiz nach Frankreich zurück, um sich einem Sondergericht zu stellen.

Die Anklagepunkte lauten: Kollaboration und Hochverrat. Nur wenige Male ergreift der greise Marschall im Gerichtssaal das Wort. Er selbst sei für Frankreich wie ein Schild gewesen, und General de Gaulle das Schwert.

Pétain sagt damals: "Die Deutschen nannten mich den alten Fuchs. Ich bin ein alter Fuchs. Wenn Sie glauben, dass das einfach war in Vichy! Ich gab meine wahren Absichten nie zu erkennen! Ein Infanterist soll niemals zu früh seinen Kopf aus dem Schützenloch stecken."

Am 14. August 1945 tagen die Geschworenen zum letzten Mal und um vier Uhr morgens des nächsten Tages wird das Urteil verlesen: "Das Tribunal verurteilt Marschall Philippe Pétain zum Tode und zum Verlust seiner bürgerlichen Ehrenrechte. Sein Vermögen wird beschlagnahmt."

Ungewöhnlich ist dabei: Die Jury des Hohen Gerichtshofes spricht den Wunsch aus, das Urteil nicht zu vollstrecken. De Gaulle macht von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch und wandelt die Strafe sofort in lebenslängliche Festungshaft um. Pétain, die goldbetresste Kappe in den Händen haltend, nimmt das Urteil ohne Regung entgegen. Er verbüßt die Haft bis zu seinem Tod im Juli 1951 auf der Insel Yeu.

Autorin: Sabine Ochaba
   
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