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15.10.1880: Kölner Dom vollendet
"Zum ewigen Gedächtnis an den nach Verlauf von sechs Jahrhunderten glücklich beendeten Ausbau des größten deutschen Domes, des höchsten Bauwerks der Erde, haben Seine Majestät der deutsche Kaiser und König von Preußen Wilhelm und Ihre Majestät die Kaiserin und Königin, Augusta, (...) diese Urkunde unterzeichnet, welche in den Schlussstein der Kreuzblume des südlichen Domthurms niedergelegt werden wird. So geschehen zu Köln am Rheine den 15. October 1880."

Das lesen wir in der Urkunde zur Vollendung des Kölner Doms, die unterschrieben ist von Kaiser Wilhelm und seiner Gemahlin Augusta, zahlreichen Hoheiten, Fürsten und anderen hohen Gästen. Von den 65 Unterschriften stammen nur sieben von Katholiken, keine einzige von einem katholischen Geistlichen.

Es ist die Zeit des Kulturkampfes Preußens gegen die katholische Kirche: Der Kölner Erzbischof Kardinal Paul Melchers lebt im Exil, das Kaiserpaar wird am Tage der Einweihung der größten Kathedrale Deutschlands vor dem Westportal nur von Weihbischof Johann Anton Baudri empfangen. Die Kölner Bevölkerung, weitgehend katholisch, hält sich dem Beispiel des Domkapitels folgend bei den mehrtägigen Feierlichkeiten zurück.

Und doch ist die endgültige Fertigstellung der zweitgrößten christlichen Kirche wesentlich dem preußischen Königshaus zu verdanken. Friedrich Wilhelm IV. setzt sich nachhaltig für den Weiterbau ein und greift tief in die eigene königliche Schatulle. Aus allen Teilen Deutschlands fließen Spenden nach Köln und am 04. September 1842 legt der Monarch den Grundstein zum Weiterbau, fast 600 Jahre nach der ersten Grundsteinlegung 1248.

Der mittelalterliche Dombaumeister Gerhard hatte in Kenntnis der großartigen gotischen Kathedralen von Chartres, Amiens und Reims den Plan zum neuen Dom entworfen, der der Nachfolger des alten Hildebolddoms von 870 werden sollte. 1322 wird der Chor geweiht, 1410 erreicht der Südturm das zweite Geschoss, der aufsitzende Baukran bleibt über Jahrhundete Wahrzeichen Kölns.

1560 wird die gesamte Bautätigkeit eingestellt, der architektonische Geschmack hat sich geändert, und die Kölner, seit gut 200 Jahren freie reichsstädtische Bürger, haben für den Weiterbau der Rumpfkirche nichts mehr übrig.

Erst der Kunstsammler Sulpiz Boisserée entfacht Anfang des 19. Jahrhunderts das öffentliche Interesse am Kölner Sakralbau, der Publizist Joseph Görres verfasst einen Aufruf an alle Deutsche, den Kölner Dom als Nationaldenkmal zu vollenden. 1814 wird der Fassadenplan des Doms in Darmstadt wiederentdeckt, wenige Jahre später beginnt der preußische Staat am Dom mit Renovierungsarbeiten.

1880 ist der Kölner Dom endlich fertiggestellt und kann geweiht werden. Die Maße der fünfschiffigen Kathedrale sind gigantisch: Langhauslänge 145 Meter, Querhausbreite 86 Meter, Höhe des Mittelschiffes 43 Meter, Höhe der Türme 157 Meter. Umbauter Raum 407 000 Kubikmeter, Gewicht 160 000 Tonnen. Ein Steingebirge "soli Deo gloria" - dem alleinigen Gott zur Ehre, wie es in der Urkunde heißt.

Der Kaiser sieht es anders: Der Dom sei ein Wahrzeichen der Einheit und Größe des Deutschen Reiches. Er hat das Reich überdauert, er hat zwei Weltkriege überstanden, er ist jetzt 752 Jahre alt. Aber fertig ist er immer noch nicht. Die Umweltverschmutzung macht ihm zu schaffen. Seit Jahrzehnten versucht die Dombauhütte, der Zerstörung entgegenzuwirken. Über 50 Steinarten waren verbaut, man hat sie zunächst mit Chemikalien geimpft und versiegelt, mit wenig Erfolg. Längst ersetzen die Steinmetzen geschädigtes Material durch hartes, widerstandsfähiges Gestein.

Der frühere Kölner Dombaumeister Professor Arnold Wolff:
"Wir haben verschiedene Arten von Sandsteinen, darunter ist ein Sandstein, der keinen Kalk enthält, der auch nicht verwittert. Wir haben ferner das Urgestein des Domes, einen Drachenfelstrachyt, der enthält natürlich geringe Mengen von Kalk und ist auch schon im Laufe von 700 Jahren angegriffen worden, aber im Außenbau schon in großen Prozentzahlen ersetzt. Dann haben wir seit dem 20. Jahrhundert Muschelkalk, der aber nun zusehends verfällt, und zwar gleichmäßig von der Oberfläche her."

"Die neuen Materialien, die wir heute verwenden, sind nicht anfällig, jedenfalls nicht gegen die so genannte moderne Verwitterung, die mit Säuren zusammenhängt. Diese Steine sind vulkanischen Ursprungs, es sind Basaltlavagesteine, die praktisch keine verwitterbaren Substanzen enthalten, und die nach menschlichem Ermessen nicht verwittern dürften."

Dennoch: Die Dombauhütte wird auch in Zukunft zu tun haben, wie all die Jahrhunderte zuvor. Er wird nie fertig, der Kölner Dom, auch wenn er vor 120 Jahren vollendet wurde.

Autor: Karl-Heinz Lummerich
   
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