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18.10.1989: Honecker tritt zurück
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Erich Honeckers Weltbild blieb bis zum Schluss intakt: "Die Mauer wird in fünfzig und auch in hundert Jahren noch bestehen bleiben." Als Erich Honecker dies sagte, verblieben ihm noch genau neun Monate im Amt des Staats- und Parteivorsitzenden der DDR. Er nutzte die Zeit nicht, nahm die Entwicklungen dieses Jahres nicht wahr. Auch als die Bürgerinnen und Bürger in Scharen das Land verließen, Hunderttausende auf die Strassen gingen und die Sowjetunion Reformen unverblümt anmahnte: Honeckers Altherrenriege im Politbüro, sie merkten in diesen Tagen Mitte Oktober immer noch nicht, wie sehr ihr Thron bereits wackelte.

Eine Gruppe von Politbüromitgliedern um Günter Schabowski, dem ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, verständigte sich untereinander schon länger über mögliche Reformen, über Signale des Verstehens an die, die das Volk sind. Versuche, die Honecker wiederholt abblockte. Den "Verschwörern" wurde klar: Mit Honecker würde es nicht gehen. Er musste weg. Die Frage war nur noch: wie und wer machte mit? Das war nicht ungefährlich, erinnerte sich Schabowski: "Wir selber wussten im Grunde bis zu diesem Zeitpunkt nicht voneinander, wie wer zu notwendigen Veränderungen steht. Das erforderte zunächst einmal eine Phase des Abtastens, bis man sich dieses oder jenes Nachbarn im Politbüro sicher sein konnte. Zunächst waren es nur drei." Nämlich er, Schabowski, Honeckers ″Kronprinz″ Egon Krenz und der Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) Harry Tisch.

Die entscheidende Sitzung

Die Zeit raste. An der Montagsdemonstration in Leipzig nahmen am 16. Oktober 120.000 Menschen teil. In Berlin telefonierten die "Verschwörer" herum, um zu erfahren, wer am Dienstag, den 17. Oktober, auf der entscheidenden Politbürositzung mitmachen werde. Auf zehn, elf sichere Kandidaten kamen sie - gerade einmal die Hälfte.

Die Sitzung begann. Honecker wollte nach einleitenden Worten zur Tagesordnung übergehen. Ministerpräsident Willi Stoph unterbrach ihn, sagte, dass er eine Änderung der Tagesordnung vorschlage. Erster Punkt: Absetzung des Generalsekretärs Erich Honecker.

Aber Honecker tat so, als hätte niemand den Antrag gestellt. Er wollte einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen. Wurde durch Zwischenrufe gestoppt. Versuchte dann die Diskussion zu lenken, wollte nur seine - wie er meinte, Getreuen zu Wort kommen lassen. Günter Schabowski sagte dazu: "Aber diese Parteigänger hatten inzwischen, obwohl sie nicht informiert waren, doch Wind bekommen, dass es sich für sie nicht lohnen würde, sich auf die Seite Honeckers zu schlagen, so dass auch sie erklärten, Honecker müsse gehen. Groteskerweise gehörte dazu auch sein 'Erster Dämon', wenn man so sagen kann: Günter Mittag."

Es war die Stunde - eine Lehrstunde - der Abrechnung, des Ekels, aber auch der Abgründe, der opportunistischen Erbärmlichkeit. Die Sitzung endete mit der einstimmigen Entscheidung, der ZK-Sitzung am Tag darauf die Ablösung Erich Honeckers und seiner Vasallen Günter Mittag und Joachim Herrmann vorzuschlagen.

Der Wechsel

Am Mittwoch, dem 18. Oktober 1989, bat Erich Honecker das Zentralkomitee der SED, ihn aus gesundheitlichen Gründen von den Ämtern des Generalsekretärs und des Staatsratsvorsitzenden zu entbinden. Man ließ ihn sein Gesicht wahren. Sein Nachfolger Egon Krenz übte sich in sozialistischer Scheinheiligkeit, er sagte: "Wir danken Erich Honecker für sein politisches Wirken und wünschen ihm Gesundheit und Wohlergehen."

Doch der Lauf der Dinge war nicht mehr aufzuhalten. Es war ein Irrtum, wird Günter Schabowski später sagen, zu diesem Zeitpunkt noch zu glauben, eine neue DDR-Führung könne sich durch eilige Maßnahmen noch mit den Forderungen der Menschen im Land synchronisieren.

Niemand wird das besser wissen, als er: Die von ihm angekündigte neue Reiseverordnung brachte nur drei Wochen später binnen Stunden die Öffnung der Mauer und der deutsch-deutschen Grenzen.

Autorin: Christa Kokotowski
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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