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19.10.1977: Hanns-Martin Schleyer ermordet
Auf dem Bild ist kein Blut zu sehen, der Tote im Kofferraum weist keine erkennbaren Verletzungen auf. Und doch drückt die Aufnahme des erschossenen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer die ganze Brutalität des deutschen Linksterrorismus aus, der das Land in diesen Wochen des Jahres 1977 in Atem hält. Am 19.Oktober wird die Leiche Schleyers in einem im französischen Mühlhausen abgestellten Auto gefunden.

Der Tote im Kofferraum ist der grausame Höhepunkt einer Zeit, die als "Deutscher Herbst" in die Geschichte eingeht. Sechs Wochen zuvor, am 5.September, wird Schleyer in Köln von einer Gruppe entführt, die sich "Kommando Siegfried Hausner" nennt. Vier Begleiter des Arbeitgeberchefs werden dabei erschossen. Die Anführer verlangen die Freilassung von inhaftierten Gesinnungsgenossen, vor allem der Gründer der "Roten-Armee-Fraktion" Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die in Stuttgart lebenslange Haftstrafen verbüßen.

Entführung

In Bonn wird ein Krisenstab gebildet. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) will hart bleiben. Zwei Jahre zuvor waren zahlreiche Terroristen im Austausch gegen den entführten Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz freigekommen, das Morden hatte nicht aufgehört.

Die Wochen vergehen, die Familie Schleyers verlangt, endlich etwas für das Leben der Geisel zu tun. Sie erzwingt sogar eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Muss die Regierung Schleyers Leben auf jeden Fall retten, auch, indem sie die Inhaftierten freigibt? Nein, so Karlsruhe: Bonn ist verpflichtet, Menschenleben zu retten und zu erhalten. Das kann auch bedeuten, hart zu bleiben gegen Erpresser.

Regierungssprecher Klaus Bölling: "Die Bundesregierung - beraten von den politisch Verantwortlichen diese Staates - wusste zu jeder Stunde, dass die Entführer nicht zögern würden, weitere Morde zu begehen."

Eskalation

Dann kommt es zur Eskalation: Am 13. Oktober wird ein deutsches Urlauber-Flugzeug von palästinensischen Terroristen entführt. Die Aktion ist mit den deutschen Terroristen abgesprochen, wieder wird die Freilassung der Stuttgarter Gefangenen gefordert. Die Maschine irrt durch den Nahen Osten und Afrika - und landet schließlich im somalischen Mogadischu. Dort angekommen, haben die Fanatiker schon den Flugkapitän erschossen.

Bonn handelt: Eine Sondereingreiftruppe des Bundesgrenzschutzes stürmt in der Nacht zum 18. Oktober mit Erlaubnis der somalischen Regierung das Flugzeug mit dem Namen "Landshut", befreit alle 88 Insassen und erschießt drei der Entführer. Eine Palästinenserin wird schwer verletzt. Die Befreiung ist ein klares Zeichen: Keine Zugeständnisse.

Die Befreiung ist auch eine Art Todesurteil für Hanns Martin Schleyer. Schon zuvor wirkt er auf einem Video-Band, das den Medien zugespielt wird, erschöpft und hoffnungslos. Mit dünner Stimme appelliert er an die Verantwortlichen in Bonn: "Muss denn wirklich noch etwas geschehen, um in Bonn eine Entscheidung zu ermöglichen?"

Entscheidung

In der Nacht der Flugzeugerstürmung nehmen sich die führenden Mitglieder der "Rote Armee Fraktion" in ihren Stuttgarter Zellen das Leben. Und Hanns Martin Schleyer wird kaltblütig ermordet. Helmut Schmidt steht der schwierigste Gang seines Lebens bevor. Er kondoliert der Witwe Schleyers: Der Vorwurf, das Leben ihres Mannes sei für die Staatsräson geopfert worden, wird nicht offen erhoben, aber er steht im Raum. Nachdem der Tote gefunden ist, bleibt auch der Regierung nur die blanke Wut.

Klaus Bölling: "Meine Damen und Herren: Ich darf in Namen der Bundesregierung erklären: Uns erfüllen Erschütterung und Zorn. Der feige Mord an Hanns Martin Schleyer beweist, dass die Täter tatsächlich unbelehrbar sind. Der Staat wird die Verbrecher mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln verfolgen. Sie werden nicht mehr zur Ruhe kommen."

Von 16 Tätern werden später elf gefasst. Der Staat hat die ganz große Konfrontation mit dem Linksterrorismus bestanden. Der Preis ist allerdings hoch. Ist der Staat - so lautet noch nach Jahren die Diskussion - nicht in jedem Fall verpflichtet, Menschenleben zu retten, auch das Leben eines Einzelnen?

Hanns Martin Schleyer hilft das nicht mehr. Seine Witwe verlässt das Land verbittert. Die brüchige Stimme Schleyers auf dem Video-Band, der Tote im Kofferraum, wie ein Kind zusammengerollt: Diese Bilder des Deutschen Herbstes sind auch heute noch allgegenwärtig.


Autor: Jens Thurau
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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