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21.10.1985: Günter Wallraff "Ganz unten"
"Ausländer, kräftig, sucht Arbeit, egal was, auch Schwerst- und Drecksarbeit, auch für wenig Geld." Mit dieser Anzeige hatte Günter Wallraffs Recherche im März 1983 angefangen - mit einem Stellengesuch in verschiedenen Zeitungen. Es war der Beginn einer langen undercover Recherche, deren Ergebnisse Mitte der 1980er-Jahre die gesamte Nation erschüttern sollten: als Günter Wallraff 1985 das Buch "Ganz unten" veröffentlichte.

Mörderische Schichten

"Ganz unten" - Der Erfahrungsbericht von Günter Wallraff, alias Türke Ali, in der Welt der Gastarbeiter. Detailliert schildert er in dem Buch seine Erfahrungen bei einer Leiharbeitsfirma, bei seinen Einsätzen bei Thyssen, bei seiner Arbeit in einem McDonald's Restaurant. Er berichtet von mörderischen 16 bis 24 Stunden Schichten, von schmutzigen Reinigungsarbeiten mit zum Teil selbst gebasteltem Werkzeug, von fehlenden Staubmasken und unzureichenden Arbeitsschutzmaßnahmen.

Er schreibt: "Ein Dachstuhl brennt, die Dachdecker waren nicht vorsichtig genug. Mehrere Feuerwehrwagen rücken an, auch Polizei. Ali wird mit anderen Kollegen auf das noch schwelende Dach geschickt um aufzuräumen. Die Sohlen der Turnschuhe fangen dabei an zu schmoren, ein paar Mal krachen angebrannte Balken unter ihm. Eine Gruppe von Polizeibeamten und Feuerwehrleuten steht neben uns und sieht zu, wie wir die schwelenden Sachen in den Bauhof runter werfen. Wir turnen vor ihnen rum, ohne Schutzkleidung. Alles Illegale. Ich kann mir vorstellen, sie wissen oder ahnen es zumindest. Aber sie sagen nichts. Auch sie profitieren von uns, wir machen für sie die gefährliche Dreckarbeit."

Günter Wallraff, ganz unten als Türke Ali. Mit gefärbten Kontaktlinsen, schwarzem Haarteil, eingeübtem Ausländerdeutsch, mit verstelltem Satzbau und weggelassenen Endsilben. Eine perfekte Verkleidung.

Allein in den ersten sechs Wochen wurden über eine Million Exemplare von Alis Erlebnissen "Ganz unten" verkauft. Die Staatsanwaltschaft führte Hausdurchsuchungen bei Thyssen durch, eine regelrechte Ermittlungslawine kam ins Rollen.

Einschlagender Erfolg

"Ganz unten" wurde von vielen Seiten als das erfolgreichste Buch der Nachkriegszeit bezeichnet. Inzwischen liegt die deutschsprachige Auflage bei rund vier Millionen, etwa 30 Millionen weltweit, übersetzt wurde es in 33 Sprachen. Das Buch zog nicht nur Auswirkungen in Deutschland nach sich. Auch im europäischen Ausland wurden die Menschen wach gerüttelt.

Wegen seiner eigenwilligen Recherchemethoden sah sich Wallraff von Anfang an immer wieder scharfen Angriffen ausgesetzt. Nicht selten gingen seine Gegner mit juristischen Mitteln gegen ihn vor. Die Prozesse und Nötigungen der betroffenen Konzerne, darunter Thyssen und McDonald's, konnte der Enthüllungsautor jedoch mit geringen Abstrichen erfolgreich bestehen.

Seit der Veröffentlichung von "Ganz unten"" ist der Name Günter Wallraff untrennbar mit investigativem Journalismus in Deutschland verknüpft. Günter Wallraff, ein Journalist, der Geschichten recherchierte, die ansonsten wahrscheinlich nie ans Licht der Öffentlichkeit gekommen wären, die an der Oberfläche der blank polierten Bundesrepublik kratzten und die Schattenseite des schönen, reichen Deutschlands aufdeckten. So wuchtig und wirkungsvoll hatte bis dahin kein Buch eingeschlagen.

Autorin: Maren Hellwege
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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