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29.10.1956: Israel erobert Sinai
Israelische Fallschirmjäger werden in der Nähe des Mitla-Passes abgesetzt, dem strategisch wohl wichtigsten Tor vom Inneren der Sinai-Halbinsel zum Gebiet des Suez-Kanals. Zwei Tage bitterer Kämpfe und diese Passage steht unter israelischer Kontrolle. Sie ist geöffnet für Panzereinheiten, die unterdes unter dem Schutz der Luftwaffe durch die Wüste des Sinai nachgerückt sind. Die Truppen stoßen weiter vor in Richtung Westen, bis auf zehn Meilen nähern sie sich dem Suez-Kanal, dann graben sie sich ein. Nach acht Tagen hat Israel die gesamte Sinai-Halbinsel erobert.

Dass man vor dem Suez-Kanal Halt macht, hat seinen guten Grund: Dies ist mit Briten und Franzosen so vereinbart worden. Denn der Sinai-Feldzug ist kein Alleingang Israels, sondern eine konzertierte Aktion, mit der die Regierungen in London, Paris und damals Tel-Aviv ihre eigenen Ziele verfolgen.

Briten und Franzosen wollen nicht hinnehmen, dass Ägypten unter seinem charismatischen Führer Gamal Abdel Nasser den Suez-Kanal verstaatlicht hat: "Wir erklären den Suez-Kanal für verstaatlicht. Wir wollen die Vergangenheit hinter uns lassen und unsere Rechte zurückerobern. Der Suez-Kanal ist ägyptisch. Lasst uns Ägypten bauen, mit Stolz und Erfolg. Gott sei mit uns. Dies ist sein Wille..."

Briten und Franzosen wollen das Gebiet zurückerobern, auch will Paris sich dafür rächen, dass Ägypten unverhohlen den Unabhängigkeitskampf der FLN in Algerien unterstützt. In Israel glaubt Staatsgründer David Ben Gurion, der inzwischen wieder Regierungschef geworden ist, mit militärischer Macht demonstrieren zu müssen, dass sein Land sich aller äußeren Gefahren zu erwehren verstehe.

Und Gefahren werden zur Genüge gesehen: So hatte Ägypten immer schon den Suez-Kanal und dann auch die Meerenge von Tiran für israelische Schiffe geschlossen, so zeichnete sich mit dem Bagdad-Pakt von 1955 und erst recht mit der Einrichtung eines gemeinsamen Oberkommandos zwischen Ägypten, Syrien und Jordanien ein Militärbündnis gegen den erst acht Jahre alten jüdischen Staat ab. Zusätzlich flossen verstärkt westliche Waffen in den Irak und seit 1955 sowjetische Rüstungsgüter nach Ägypten.

Vor diesem Hintergrund eskaliert zudem der Kleinkrieg entlang der israelisch-ägyptischen Waffenstillstandslinie, besonders am Gazastreifen. Das Gebiet wird zwar von Ägypten verwaltet, es gilt aber als "letzter nicht besetzter Teil Palästinas". Und von hier aus kommt es immer häufiger zu Infiltrationen und bewaffneten Überfällen.

Der damalige Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, Walter Eytan: "Ägypten war im Begriff, seine Vorbereitungen zu einem Angriff gegen Israel zu vollenden. Zwei Jahre hindurch hatte es in ständig wachsendem Maße Guerilla-Aktionen gegen Israel durchgeführt. Seine bewaffneten Marodeure drangen Nacht für Nacht in israelisches Gebiet ein, mordeten, zerstörten Hab und Gut und hielten die Bewohner in Atem."

Zuerst finden diese Überfälle wohl nur aus Not statt, später werden sie von Kairo offiziell unterstützt. Denn inzwischen sind der Öffentlichkeit unbemerkt gebliebene Annäherungsversuche zwischen Israel und Ägypten gescheitert: In Paris gab es Geheimkontakte von Emissären Präsident Nassers und des damaligen Ministerpräsidenten Moshe Sharett. Die "Hardliner" aus dem Lager Ben Gurions diskreditieren Sharett aber, indem sie blutige Vergeltungsaktionen in Jordanien und im Gazastreifen durchführen und in Ägypten selbst einen jüdischen Sabotagering aktivieren.

Man weiß nicht, ob die Pariser Kontakte irgendwelche Erfolgsaussichten gehabt hätten; in Israel setzt sich aber die harte Linie durch und Sharett tritt zurück. Dies ist der Zeitpunkt, an dem Nasser eine Kehrtwende macht und sich der Sowjetunion zuwendet, was letztlich zur Eskalation und zum Angriff der Franzosen, Briten und Israelis Ende Oktober 1956 führt.

Israel habe sich mit dem Sinai-Feldzug drei Hauptziele gesetzt, sagt Ben-Gurion: Die Zerschlagung der Kräfte, die es vernichten wolle, die Befreiung besetzten Bodens und die Öffnung der Seewege nach Eilat und durch den Suez-Kanal.

Moskau droht, auf Seiten der Ägypter einzugreifen und die Vereinten Nationen ordnen Anfang November nicht nur Waffenruhe an, sondern auch den Rückzug der Angreifer.

Bis Ende Januar 1957 hat Israel die Sinai-Halbinsel wieder verlassen. Trotzdem ist man in Israel zufrieden, denn die Vereinten Nationen haben eine UN-Truppe aufgestellt, die im März 1957 entlang der Waffenstillstandslinien zwischen Israel und Ägypten wie auch an der Meerenge von Tiran stationiert wird. Israel darf den Suez-Kanal immer noch nicht benutzen, aber die Angriffe über die Grenze finden ein Ende, und die Zufahrt zu Israels Rotmeerhafen Eilat ist offen.

Für zehn Jahre jedenfalls. Bis Präsident Nasser 1967 den Abzug der UNO-Truppen fordert und Tiran erneut schließt. Und damit den Sechstagekrieg provoziert.

Autor: Peter Philipp
   
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