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30.10.1938: Panik nach Orson Welles Hörspiel
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Ein scheinbar ganz normaler Abend, war das am 30. Oktober 1938. CBS übertrug Musik und hatte mit der Konkurrenz auf NBC zu kämpfen, wo zur gleichen Zeit die Edgar Bergen and Charlie McCarthy Show lief. Eine Kultsendung, die jedoch von Werbung unterbrochen wurde. Als die Zuhörer umschalteten, hörten sie an jenem Abend plötzlich diese Nachricht:

"Sehr geehrte Damen und Herren, wir unterbrechen unser Programm für eine aktuelle Durchsage vom Mount Jennings Observatorium in Chicago. Professor Ferrel hat dort um 20 Minuten vor acht Uhr abends mehrere Explosionen beobachtet, glühendes Gas, das in regelmäßigen Abständen auf dem Planeten Mars explodiert. Es scheint sich um Wasserstoff zu handeln, der sich mit enormer Geschwindigkeit in Richtung Erde bewegt. Professor Pierson vom Observatorium in Princeton bestätigte Ferrels Beobachtungen und beschrieb das Phänomen als Zitat blauen Rauchstrahl bei einem Gewehrschuss. Ende des Zitats. Wir setzen nun unser Programm fort mit Ramon Racchello und seiner Band aus dem Meridium Room des Park Plaza Hotels in Downtown New York."

Plötzlich war die Edgar Bergen Show nicht mehr ganz so interessant. Zwischen sechs und neun Millionen Zuhörer lauschten nach dieser Sondernachricht weiter dem Programm von CBS. Und aus dem ganz normalen Abend in den Wohnzimmern Amerikas sollte eine der größten Massenpaniken des 20. Jahrhunderts werden. Denn nach kurzer Zeit einlullender Big Band Musik kam die zweite Unterbrechung, schon dringlicher im Ton:

"Jetzt eine Nachricht aus der Nähe, aus Clinton, New Jersey. Es wird berichtet, dass um 20 Uhr 50 ein riesiges flammendes Objekt, vermutlich ein Meteorit, auf eine Farm in der Nähe von Grovers Mill, New Jersey, 22 Meilen von Clinton entfernt, abgestürzt ist. Der Blitz am Himmel war in einem Radius von mehreren hundert Meilen sichtbar, der Einschlag war hörbar bis nach Elisabeth im Norden."

Jetzt wurde es also langsam ernst. Ein mobiler Übertragungswagen wird nach Grovers Mill geschickt, von dort meldet sich der Reporter. Wer jetzt noch NBC oder einen anderen Sender hört, der verpasst in der nächsten Stunde Hörfunkgeschichte, bzw. er wird spätestens in einer halben Stunde durch Mund-zu-Mund Propaganda vor dem Unglaublichen gewarnt werden. Der Reporter vor Ort meldet, dass der vermeintliche Meteorit sich als Metallzylinder entpuppt hat. 30 Meter Durchmesser misst das Objekt, und dann öffnet sich das Ding. Der Reporter versucht es zu beschreiben.

"Einen Moment mal, hier passiert jetzt etwas. Irgendwas kommt jetzt aus dem Loch heraus, und ein kleines Lichtstrahl wird gegen einen Spiegel gerichtet. Was ist das? Da kommt ein Flammenstrahl auf uns zu, es ist jetzt überall, es kommt auf mich zu, ungefähr 20 Yards von..."

Der Rest ist Schweigen. Dann folgt eine Schreckensmeldung auf die andere. Der Innenminister spricht zu den Amerikanern. Die gesamte Region ist unter Kriegsrecht gestellt. Das Monstrum beherrscht den mittleren Teil von New Jersey und bewegt sich auf New York City zu. Die Armee versagt kläglich, wird einfach durch die Feuerstrahlen vernichtet. Vom Dach des Senders in New York meldet sich dann nach etlichen Horrormeldungen und unterbrochenen Schaltungen noch einmal ein Reporter.

"This may be the last broadcast. We'll stay here until the end."

Als wenig später eine ganze Armee von Marskreaturen ihr Giftgas über der Stadt verbreitet, hustet der Reporter und stirbt.

Mittlerweile herrscht Panik an der Ostküste. Menschenmassen strömen in die Luftschutzkeller. Andere beten in den Straßen mit Taschentüchern vor der Nase, um sich vor den Giftgasen der Marsianer zu schützen. Keiner kriegt so richtig mit, dass der Krieg der Welten nach 60 Minuten zu Ende ist.

"This is Orson Welles. Ladies and gentlemen, out of character, to assure you that the War of the Worlds has no further significance as the holiday offering it was intended to be."

Mit diesem Hinweis auf Halloween verabschiedete sich Orson Welles, junger Autor, Regisseur und Schauspieler, an jenem ganz normalen Abend am 30. Oktober 1938. Die Massenangst vor den Marsmenschen dauerte noch etliche Stunden nach der Rundfunk-Übertragung des Hörspiels an. Der Ruhm von Orson Welles nach diesem genialen Hörspiel hielt sich bis an sein Lebensende.

Autor: Jens Teschke
   
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