Kalenderblatt dw.com
 
31.10.1985: Protest gegen "Der Müll, die Stadt und der Tod"
Das Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", das schon vor seiner gescheiterten Premiere heftige Reaktionen auslöste, war 1975 von Rainer Werner Fassbinder geschrieben worden. Fassbinder, damals Intendant am Frankfurter Theater im Bauturm, nahm einen Roman von Gerhard Zwerenz als Vorlage, um ein Stück über Frankfurt zu schreiben: Über den Sumpf der Häuserspekulationen und Korruption, im Zuge derer in den 1960er-Jahren das alte Westend zerstört und in ein modernes Bankenviertel verwandelt wurde.

Der Häuserspekulant in dem Fassbinder-Stück ist ein reicher Jude, der im Schutz und Interesse der Mächtigen und zum Schaden der Bevölkerung Grundstücke kauft, Häuser abreißen lässt und den Boden teuer wieder verkauft. Der Immobilienhai hat ein Verhältnis mit der Prostituierten Roma B., die er am Ende auf ihren Wunsch hin erdrosselt. Der Polizeipräsident hält seine Hand über den reichen Juden und vertuscht den Totschlag.

Antisemitismus-Vorwurf

Hässlich, geil, geldgierig und rachsüchtig - die Figur des reichen Jude gleicht, nach Meinung der Bühnenbesetzer im Frankfurter Schauspiel, nur allzu sehr dem Klischee des jüdischen Wucherers, mit dem im Nationalsozialismus Propaganda gemacht wurde. Wieder, sagten die Besetzer, werde ein reicher Jude zum Sündenbock für bestehende Missstände gemacht, an denen in Wirklichkeit auch christliche und moslemische Geschäftsleute Anteil haben.

Einer der Protestierenden sagte während der Diskussion im Theatersaal: "(…) die Art und Weise, diese rücksichtslose Entschlossenheit mit der Sie das hier durchziehen (...). Was dabei mit den Füßen getreten wird, systematisch, ruchlos und kaltblütig sind die Gefühle der Überlebenden. 40 Jahre danach ist es soweit, wir dürfen wieder (...). 40 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches geht es hier um die Selbstbehauptung der deutschen Kunst oder wie (Intendant) Rühle gesagt hat in einer Vorbemerkung bei der Diskussion, die Schonzeit ist vorbei, in der Tat."

Freiheit der Kunst?

Dagegen ging es jenen Theaterbesuchern, die sich für die Aufführung einsetzten um die Freiheit der Kunst und Meinungsäußerung. Der damalige Schauspielintendant Günther Rühle plädierte dafür, das Stück anzuschauen und dann zu diskutieren - die Inszenierung als Argument in der Debatte um den Text zu begreifen und nicht aufgrund einiger Presseauszüge zu verurteilen.

Fassbinder breche ein Tabu in Deutschland, gerade um auf die Gefahr eines neuen Antisemitismus hinzuweisen; so interpretierten die Befürworter das Stück. Die Klischees, sagten sie, würden als Angstprojektionen entlarvt, die noch immer in der Gesellschaft virulent seien. Der Vorwurf des Antisemitismus, betonte damals Daniel Cohn-Bendit, gehe hier an die falsche Adresse, denn gerade Fassbinder habe sich mit seinen Filmen immer gegen die Normalität, den schleichenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland eingesetzt.

Aber die Protestierenden ließen sich nicht dazu bewegen, die Bühne zu verlassen. Und Günther Rühle sah sich schließlich nach zweistündiger, hitziger Diskussionen dazu gezwungen, die Uraufführung abzublasen.

Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" wurde in New York 1987 uraufgeführt, in Deutschland aber bis heute nicht gespielt. Noch 1998 scheiterte eine geplante Aufführung am Maxim-Gorki-Theater in Berlin.

Autorin Bettina Henzler
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Mein Job als Portraitfotograf: verführen, erfreuen und unterhalten.
  > Helmut Newton
> RSS Feed
  > Hilfe
In welcher Stadt wurde Helmut Newton geboren?
  New York
  Berlin
  Sydney
  Newsletter abonnieren
  Versenden Sie virtuelle Grüße