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1.11.1986: Giftkatastrophe im Rhein
Es knallt, es brennt in Basel, Fässer explodieren, fliegen durch die Luft. Stichflammen schießen 60 Meter hoch in den schwarz-roten Himmel. Gigantische Giftwolken breiten sich aus.

Chemischer Super-Gau

Bei Basel war es in einem Chemiewerk von Sandoz kurz nach Mitternacht am 1. November 1986 zum chemischen Super-GAU gekommen. Eine Katastrophe, die das Vertrauen der Bevölkerung in die Großchemie nachhaltig erschüttern sollte.

In der Lagerhalle 956 des Chemie-Weltunternehmens war ein Feuer ausgebrochen. Wenige Minuten später stand das 6.000 Quadratmeter große Gebäude lichterloh in Flammen. Über 1.000 Tonnen Insektenvernichtungsmittel, Harnstoffverbindungen und Quecksilber stiegen als gigantische, brennende Giftwolken in die Luft. Ein Basler Journalist, der damals als erster am Unglücksort war, erinnerte sich:

"Chemiefässer flogen wie Granaten durch die Luft. So etwas habe ich noch nie gesehen. Pausenlos Explosionen, Fässer, die sich in 30 bis 40 Meter Höhe in Feuerbälle und grelle Blitze verwandeln, zu schwarzem Rauch ausbrechend, bevor der nächste dumpfe Knall ertönt, die nächste Glutwolke hochsteigt - pausenlos, stundenlang."

Katastrophenalarm für 400.000 Menschen

Die Schweizer Kantonsbehörden lösten zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg Katastrophenalarm für die gesamte Basler Region aus. Die Menschen mussten die Fenster schließen und durften die Häuser nicht verlassen. Das Unternehmen selbst sprach nur von einem "Ereignis", ließ die Öffentlichkeit und die Nachbarländer im Drei-Länder-Eck über das wahre Ausmaß im Unklaren.

400.000 Menschen waren gefährdet. Dass niemand verletzt oder getötet wurde, ist nur einem glücklichen Zufall zu verdanken: Gleich neben der brennenden Lagerhalle befand sich damals ein Lager für die hochgiftigen Stoffe Natrium und Phosgen, die im Ersten Weltkrieg als Kampfstoffe eingesetzt wurden. Es hätte zu einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes mit zehntausenden Verletzten kommen können. Tausende Schweizer demonstrierten daraufhin in Basel gegen die Chemie-Industrie: "Hundert Jahre Basler Chemie, schleichender Tod mit Arbeitsplatzgarantie", stand auf den Transparenten.

Umweltkatastrophe in rot

Der sofortige Tod ereilte Vater Rhein und die Natur: Mit dem Löschwasser flossen 30 Tonnen Chemikalien in den Fluss. Insbesondere hochgiftiges Pflanzenschutzmittel, das wegen seiner Gefährlichkeit mit einem roten Warn-Farbstoff markiert war und den Rhein entsprechend verfärbte. Ein Zeitzeuge erinnerte sich: "So einen Tag vergisst man nicht. Der Rhein kam rot."

Jegliches Leben in dem Fluss, der 20 Millionen Menschen von Basel bis Rotterdam mit Trinkwasser versorgt, starb in den darauf folgenden Tagen auf einer Strecke von mehreren hundert Kilometern - von den Fischen bis zu den Wasserorganismen. Allein die Zahl der toten Aale zwischen Basel und Karlsruhe wurde auf 150.000 geschätzt. Bei Basel war der Fluss Untersuchungen zufolge ökologisch tot. Der badische Landesfischereiverband sprach damals von der "bisher größten Katastrophe am Oberrhein".

Nach dem Unglück baute Sandoz Rückhaltebecken, die tausende Kubikliter Wasser aufnehmen können. Zuvor hatte die Industrie ihre Millionen Kubikmeter Abwässer in den Rhein gekippt. Heute wird das Abwasser der Chemiefirmen von Hoffmann-La-Roche bis Bayer - 20 Prozent der chemischen Industrie in Europa ist am Rhein angesiedelt - von eigenen Labors untersucht. Sobald Spuren von Chemikalien festgestellt werden, soll die Abwasser-Einleitung gestoppt werden.

Der Rhein überlebt

Tatsächlich hat sich das Ökosystem Rhein schneller erholt als erwartet. Im Jahr nach der Brandkatastrophe wurde ein großes länderumfassendes Aktionsprogramm am Rhein gestartet, teilweise bekam der Rhein gar ein neues Bett verpasst. Inzwischen soll der Rhein sauberer sein als vor 100 Jahren.

Neben einem kurzzeitigen Imageschaden hat das Unglück das Unternehmen rund 88 Mio. Euro gekostet, 30 Mio. Euro allein für die Bodensanierung. Strafrechtlich wurde der Konzern nicht belangt - die Unfallursache ist auch heute noch nicht lückenlos aufgeklärt.

Autor: Frank Gerstenberg
   
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