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4.11.1995: Jitzchak Rabin ermordet
Es ist Samstagabend, nach dem jüdischen Feiertag, und der "Platz der Könige Israels" in Tel-Aviv ist vollgepackt mit Menschen. Nicht einfach, um nach dem Ruhetag auszugehen, sondern um für Frieden mit den Palästinensern zu demonstrieren. Sie hören Politiker reden und alle singen zusammen "Schir la Schalom" - "Singt für den Frieden":

Zwei Jahre zuvor hat Israel mit der PLO das Oslo-Abkommen unterzeichnet, die Abwicklung des Abkommens geht aber nur sehr mühsam vonstatten. Unter anderem, weil die nationalistische Opposition unter "Likud"-Führer Benjamin Netanjahu alle Register zieht, um das Oslo-Abkommen zu vereiteln, unterstützt von Siedlergruppen in den besetzten Gebieten und von anderen religiös-nationalistischen Fanatikern. Ihnen ist dabei jedes Mittel recht: Ministerpräsident Rabin wird als Verräter verunglimpft, Plakate zeigen ihn mit der palästinensischen Kafia auf dem Kopf, andere wieder machen ihn zum "SS"-Mann.

Der 73-jährige Rabin ist kein Freund von großen Feiern, und man hat ihn noch nie in der Öffentlichkeit singen sehen. Auf einem Blatt Papier muss er den Text verfolgen: '(...) singt nur ein Lied für den Frieden, flüstert kein Gebet. Singt nur ein Lied für den Frieden - und ruft das ganz laut aus(...)'

Jitzchak Rabin ist zufrieden. Er spürt, dass die Bevölkerung hinter ihm steht und dass er in Oslo den richtigen Weg gegangen ist. Den Zettel mit dem Liedtext steckt er in die Brusttasche und macht sich auf den Weg zu dem wartenden Cadillac hinter der Bühne.

Nur wenige Schritte - es ist 21.40 Uhr - da fallen plötzlich zwei Schüsse. Rabin bricht blutend zusammen. Er wird in großer Eile ins Ichilow-Krankenhaus gebracht, wenig später aber erfährt Israel, dass der Ministerpräsident tot ist. Tödlich getroffen von Kugeln aus einer 22 Kaliber Pistole.

Der Attentäter wird gleich gefasst: Jigal Amir, ein 25-jähriger Jurastudent, der dem extrem religiös-nationalistischen Lager angehört, und der seit zehn Monaten Pläne geschmiedet hat, wie er Rabin umbringen kann, denn nur so glaubt der Fanatiker den Oslo-Prozess stoppen zu können.

Trotz der Verteufelungen Rabins in letzter Zeit hat niemand in Israel so etwas für möglich gehalten. Auch Rabin selbst nicht. So hat er es immer wieder abgelehnt, eine schusssichere Weste anzulegen, wenn er in die Öffentlichkeit ging. Der ehemalige Generalstabschef (zur Zeit des Sechstagekrieges) und spätere Verteidigungsminister, ein auch vom Gegner anerkannter Kriegsheld, würde doch nicht Angst haben von Gegnern im eigenen Volk. Wie Unrecht er hat, bezeugt der blutgetränkte Zettel mit dem Text des Friedensliedes, den man später in seiner Jackentasche findet.

Einer der ersten, die ihr Beileid bekunden, ist PLO-Führer Yasser Arafat: "Ich drücke mein Beileid aus gegenüber seiner Frau, seiner Familie, der israelischen Regierung und dem israelischen Volk."

Noch wenige Jahre zuvor wären solche Worte des Mitgefühls undenkbar gewesen: 1987, zu Beginn der Intifada, des Palästinenseraufstandes in den besetzten Gebieten, war Rabin Verteidigungsminister und er wollte dem "Spuk" mit Gewalt ein Ende setzen, befahl sogar "brecht ihnen die Knochen". Dann aber kommt es 1993 zu den Geheimverhandlungen von Oslo und Rabin lässt sich überzeugen, dass dies der richtige Weg sei. Obwohl er in Washington bei der Unterzeichnung einräumt, dass es ihm nicht leicht gefallen ist:

Rabin: "Diese Unterzeichnung der palästinensisch-israelischen Grundsatzerklärung hier und heute (...) das ist nicht so leicht."

Henry Kissinger charakterisiert solch scheinbare Widersprüche: "Er ist auf schmerzlichem Weg zu seinen Überzeugungen gelangt. Aber wenn er sie erreicht hatte, dann war er bereit, den Weg auch ganz alleine zu machen."

Nur im Libanon feiern radikaler Gruppen den Tod Rabins, sonst ist man überall bestürzt. Selbst in Ländern, die nicht im Frieden mit Israel sind. Denn man fürchtet, dass die Kugeln des Attentäters nicht nur Rabin getötet haben, sondern auch den Friedensprozess.

In Israel werden Neuwahlen ausgeschrieben, und während des Wahlkampfes kommt es zu einer Serie blutiger Anschläge, die Likud-Chef Netanjahu einen knappen Sieg einbringen. Der Friedensprozess soll sehr darunter leiden und erst nach der Abwahl Netanjahus schöpfen Israelis und Palästinenser neuen Mut: Arbeiter-Partei-Führer Ehud Barak will die Politik Rabins fortsetzen. Ein Jahr später steht der Nahe Osten aber an der Schwelle zu neuen kriegerischen Auseinandersetzungen, und selbst die Witwe Jitzchak Rabins distanziert sich von Barak.

Im Rückblick gewinnen auch die Worte Bill Clintons zum Tode Rabins eine ganz besondere Bedeutung:

"Jitzchak Rabin war mein Partner und mein Freund. Ich bewunderte ihn, und ich habe ihn sehr geliebt. Weil Worte meine wahren Gefühle nicht ausdrücken können, sage ich nur: 'Schalom, Chaver' - Adieu, mein Freund."

Autor: Peter Philipp
   
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