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5.11.1920: Stinnes-Konzern am Gipfel der Macht
"Wenn ich nicht in meiner Familie zur Welt gekommen wäre und mich zwangsläufig um die Mutter, die Geschwister und die wirtschaftlichen Verhältnisse im Familienunternehmen hätte kümmern müssen, dann hätte ich vielleicht die Zeit gehabt, Chemie oder Medizin zu studieren. Wäre ich ein Arbeiterkind gewesen, wäre ich jetzt Gewerkschaftsführer(...)"

So lautet das Bekenntnis eines der legendären "Schlotbarone", Hugo Stinnes. Hugo Stinnes wurde am 12. Februar 1870 als drittes von vier Kindern in Mülheim an der Ruhr geboren. Er repräsentierte die dritte Generation einer erfolgreichen Unternehmerfamilie.

Die Familie Stinnes gehörte bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den prominentesten Familien Mülheims und des Ruhrgebietes. Ihren Wohlstand und ihre gesellschaftliche Stellung verdankte sie den guten Geschäften im Kohlenhandel, in der Schifffahrt und im Bergbau. Gründer der Kaufmannsdynastie war Matthias Stinnes, der 1808 sein erstes Unternehmen gründete.

Hugo Stinnes war ein Musterschüler, dem die Lehrer im Reifezeugnis bescheinigten: "Durch sittlichen Ernst und strenge Pflichterfüllung hat er sich die volle Anerkennung und das Vertrauen seiner Lehrer erworben."

In einem familieneigenen Unternehmen absolvierte er die kaufmännische Lehre - statt in drei nur in einem Jahr. Dem schloss sich so etwas wie ein "Studium Generale" mit den Fächern Chemie, Kohleverarbeitung, Hoch-, Tief- und Maschinenbau sowie Verhüttungstechnik an. Der Unternehmersohn war sich auch nicht zu schade, "vor Ort" - und das hieß im Bergbau unter Tage - berufliche Erfahrungen zu sammeln.

Die hektisch anmutende Eile des jungen Hugo Stinnes hatte ihren Grund: Kurz nach seinem Abitur verstarb sein Vater Hermann-Hugo Stinnes. Hugo Stinnes war einer aus der Gruppe der bemerkenswerten rheinisch-westfälischen Industriellen wie Krupp, Thyssen, Mannesmann und Hoesch, die im Kaiserreich und in der Weimarer Republik eine ebenso bedeutsame wie umstrittene Rolle spielten.

Auch seine Gegner bescheinigten ihm, dass er als Geschäftsmann einfallsreich, begabt und darüber hinaus eine bezwingende Persönlichkeit gewesen sei. Er war, nach Max Weber, "der personifizierte Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und dem Geist des Kapitalismus".

Am Silvestertag 1918 schrieb Stinnes an einen Freund: "Wir werden nur noch ganz bescheidene Gewinne im besten Falle erzielen, und es muss an allen Stellen gespart werden. Alle überflüssigen Personen müssen im Laufe der nächsten Monate entfernt werden; ebenso muss alles unzuverlässige Personal eliminiert werden(...)"

Schillernd, wie Hugos Stinnes nun einmal war, hinderte ihn diese Einstellung nicht daran, die "Arbeitsgemeinschaft Politik und organisierte Arbeiterschaft" zu gründen und maßgeblich zu beeinflussen.

Der Unternehmer Stinnes pflegte beste Beziehungen zu den obersten Etagen der Politik im Kaiserreich und der sich anschließenden Weimarer Republik. Ludendorff, Bethmann-Holweg, Hugenberg, Rathenau, Erzberger und Stresemann zählten zu seinen persönlichen Bekannten.

Er bekämpfte die Reparationsbestimmungen des Versailler Vertrages und versuchte, die sozialen Errungenschaften der Revolution von 1918 rückgängig zu machen. Der Patriot Stinnes konnte allerdings auch weit über die deutschen Grenzen hinaus denken. Am 20. Juni 1920 schrieb er prophetisch an einen Freund:

"Dabei möchte ich durchsetzen, den Boden für eine Zollunion zwischen Frankreich und Deutschland, möglichst mit sofortigem Anschluss von Holland, Belgien und der Schweiz, vorzubereiten. Nur wenn das gelingt, sehe ich die Möglichkeit, einen neuen Krieg auf deutschem Boden zu vermeiden."

Am 5. November 1920 erreicht Stinnes den Gipfel seiner Macht, als sich der Siemens-Schuckert-Konzern mit seiner Rhein-Elbe-Union zusammenschließt.

Absolut zuverlässige Aufstellungen über die Firmen des Stinnes-Konzerns gibt es nicht, aber Kenner gehen davon aus, dass auf dem Gipfel seiner wirtschaftlichen Macht Stinnes Herr über 1662 juristisch selbständige Unternehmen mit 2890 Betriebsanlagen und Teilbetrieben und damit insgesamt über 4552 Betriebe war. Ein wahrhaft gigantischer Konzern! Stinnes kaufte alles auf, was ihm mittel- oder langfristig rentabel erschien. Unter anderem gründete er einen der heute noch weltgrößten Energiekonzerne - die RWE.

Das inspirierte die satirische Zeitschrift "Simplizissimus" nach seinem Tod am 10. April 1924 zu einer bezeichnenden Karikatur: Ein Mann im Frack geht eine Wolkentreppe hinauf. Auf den Wolken sitzen Engel und singen. Ein Engel unterbricht den wohlgefälligen Gesang, indem er eine riesige Glocke läutet. Unter der Karikatur lautet der Text: "Stinnes kommt! Jetzt heißt es aufpassen Kinder, denn sonst gehört ihm in 14 Tagen der ganze Betrieb!"

Dr. Heinz Kemper, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates der Stinnes-AG, charakterisiert den weltweiten Stinnes-Konzern - und damit auch den eigentlichen Schöpfer des Superunternehmens, Hugo Stinnes, so: "Irgendwo scheint bei Stinnes immer die Sonne."

Autor: Ewald Rose
   
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