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3.3.1910: Medizin gegen Syphilis
So richtig wollte niemand glauben, was der Psychiater Konrad Alt der medizinischen Gesellschaft zu Magdeburg am 3. März 1910 erzählte. 27 Syphiliskranke hatte er mit einem neuen Medikament behandelt, das ihm der Frankfurter Serologe Paul Ehrlich zur klinischen Erprobung überlassen hatte. Die Erfolge seien verblüffend, eröffnete Alt seinen staunenden Kollegen. Salvarsan hieß das Mittel, das die Volksseuche Syphilis wirksam bekämpfen konnte. Und das war eine Sensation. Wenn morgen ein Medikament gegen Aids gefunden würde, hätte man eine Vorstellung von der Bedeutung dieser Mitteilung auf die Öffentlichkeit.

Paul Ehrlich wurde weltberühmt und blieb bescheiden: "Sie sagen, es sei eine Großtat des Geistes, eine wundervolle Leistung der Wissenschaft? Mein lieber Kollege, es ist nichts anderes, als dass ich sieben Jahre Pech und einen Moment Glück gehabt habe."

Glück war eines der vier großen Gs, die Paul Ehrlich laut eigenem Bekenntnis zur Verwirklichung seiner Ideen benötigte. G gleich Geld, Geduld, Geschick und eben Glück. Seitdem die Syphilis mit den spanischen Eroberern aus Südamerika nach Europa gekommen war, waren Millionen Menschen an der Liebespest, der Lues oder welchen anderen Namen die Krankheit sonst noch trug, gestorben.

"Also man glaubt in der Tat, wenn man alles zusammennimmt, dass ein Drittel der Bevölkerung von der Syphilis dahingerafft worden ist. Es war eine echte Volkskrankheit. Es gab zwei Volkskrankheiten, die Tuberkulose und die Syphilis. Und vor der Syphilis hatte man am meisten Angst," sagt der Düsseldorfer Medizinhistoriker Hans Schadewaldt.

Schiller, Schopenhauer, ETA Hoffmann, Nietzsche, Beethoven. Die Liste der Opfer liest sich wie ein "who is who" der deutschen Kulturgeschichte. Quer durch alle Schichten schlug die Syphilis zu, die zur Erblindung, zum Wahnsinn und schließlich oft zum Tod führte, bis Paul Ehrlich auf die Idee kam, einen anderen Weg in der Syphilistherapie zu gehen.

"Wir müssen lernen, magische Kugeln zu gießen, die gleichsam wie Zauberkugeln des Freischützen - nur die Krankheitserreger treffen."

Und diese Zauberkugeln bestanden aus Arsen. Salvarsan, das kommt von lateinisch salve, gesund und Arsen, dem Wirkstoff. Gesundes Arsen also. 400 Jahre lang hatte man Quecksilber zur Syphilisbehandlung eingesetzt, mit zweifelhaftem Erfolg. Vor Arsen aber hatte man Angst, da es als zu viel zu giftig galt.

Die Syphilis wird durch einen Parasiten ausgelöst, Treponema Pallidum heißt da Biest, das unter dem Mikroskop fast unsichtbar ist. Deshalb wurde es auch erst so spät entdeckt, viel später als die Tuberkulose-, Malaria- und Diphterieerreger. Paul Ehrlichs Idee war nun ebenso einfach wie genial: Man musste eine Arsenverbindung finden mit einem Schlüssel, der in das Schlüsselloch des Parasiten passt, aber nicht in das Schlüsselloch des menschlichen Körpers. 1907, zwei Jahre bevor sein Kollege Alt in der medizinischen Gesellschaft Magdeburg vorsprach, war es soweit.

Und da hat Ehrlich mit seinen Mitarbeitern jahrelang Präparat für Präparat durchgecheckt, immer wieder verändert, in der Hoffnung, dass man auf diese Weise durch Arsen irgendein Mittel findet, das nur die Erreger tötet und nicht den Organismus. Und das war nachher das Salvarsan 606, der 606. Versuch.

Der 606. Versuch. Die Pfosten sind in den Grund getrieben, jetzt gilt es zu bauen, das fertige Haus. Das soll Ehrlichs Reaktion auf den Durchbruch gewesen sein. Aber es dauerte noch Jahre, bis das Haus fertig war. Ehrlich wollte Salvarsan erst auf den Markt bringen, wenn es ausgiebig am Menschen getestet war.

Es gab einen Riesenkrach in der Öffentlichkeit, weil die sagten, da ist doch ein Mittel! Die sterben hier alle, Millionen von Leuten brauchen das. Das war das große Dilemma, da gab es Prozesse. Furchtbar, weil er gezwungen werden sollte, das Mittel sofort abzugeben.

1910 ist es dann soweit. Salvarsan ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Hoechst stellt das Präparat industriell her, hat das Weltpatent. Seine Ruhe hat Paul Ehrlich aber noch lange nicht. Es entbrennt der sogenannte "Salvarsankrieg". Es gibt unzählige Anklagen wegen angeblicher Nebenwirkungen, die aber zumeist auf eine unsachgemäße Verabreichung zurückzuführen sind.

Und dann ist Paul Ehrlich Jude. Im deutschen Reich gibt es eine breite antisemitische Bewegung, die einen regelrechten Propagandafeldzug gegen den Mann aus Frankfurt aufzieht. Und es gibt die religiösen Eiferer, die Syphilis als gerechte Strafe für Unzucht halten: Heilung unerwünscht. Dem Herausgeber eines christlichen Erbauungsheftes sind "alle vermeintlichen Heilmittel ein Ärgernis, weil sie noch dazu beitragen können, die Gewissensregungen und die Vorsichtsmaßnahmen des Lüstlings zu beschwichtigen."

1915 stirbt Paul Ehrlich. Langsam verebbt der Ärger um das Salvarsan, das Medikament ist in der ganzen Welt erfolgreich. Salvarsan ist gut, Penicillin ist besser. Die Geschichte von Ehrlichs Zauberkugel, des gesunden Arsens, endet mit dem Auftauchen der modernen Antibiotika.

Autor: Ramón Garcia-Ziemsen
   
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