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6.11.1928: Russische Kunstwerke in Berlin versteigert
Russland ist ein kunstsinniges Land. Die Paläste des Adels quellen über von erlesenen Kostbarkeiten der Malerei und der Juwelierskunst. Der letzte Zar, Nikolaus II, ist ein besonderer Liebhaber alles Schönen. In seinem und dem Auftrag seiner adligen Verwandten liefern die ersten Künstler Europas Werke für die Wände ihrer Schlösser und die Schatullen ihrer Damen. Bis die Revolution alles überrollt und der Zarenherrschaft ein grausames Ende setzt.

Wer den Gewehren der Bolschewiki entgeht, flieht außer Landes. Seit 1918, heißt es, sei jeder zweite Taxifahrer in Paris ein russischer Prinz. Aber auch Berlin wird zum Sammelpunkt russischer Exilanten. Viele von ihnen haben ihre märchenhaften Reichtümer komplett in Russland zurücklassen müssen. Der junge Arbeiter- und Bauernstaat zieht dort kurzerhand alles ein. Der neue Staatenlenker Lenin beglückwünscht sich.

Lenin: "Zum ersten Mal in der Welt ist die Macht so organisiert, dass nur die Arbeiter, nur die werktätigen Bauern unter Ausschluss der Ausbeuter Massenorganisationen bilden!"

Aber auch Arbeiter und Bauern brauchen Geld. Besonders, wenn der Aufstand des Proletariats das Land ins komplette Chaos gestürzt hat. Bald tauchen Stücke aus den enteigneten Adelsbesitztümern auf dem internationalen Kunstmarkt auf. Manch emigrierter Fürst sieht nun als gewöhnlicher Passant die eigenen Pretiosen im Schaufenster eines Juweliergeschäfts wieder. Aber was sollte er tun?

Dr. Katja Terlau: "Man muss die Provenienz recherchieren. Und in der Regel ist das ein sehr langwieriger Prozess, wo Belege angeführt werden, wo in Archiven Dinge recherchiert werden. Und von Seiten der Besitzer ist es also sehr schwierig, Dinge nachzuweisen."

Dr. Katja Terlau ist Kunsthistorikerin am Wallraff-Richartz-Museum in Köln. Ihr Spezialgebiet ist es, die Herkunft von Kunstwerken zu recherchieren: "Wenn teilweise keine Rechnungen und durch die Kriegswirren viele Akten und Unterlagen verschollen sind, dann ist es schwer, noch an Unterlagen und Informationen zu kommen."

In Berlin bildet sich in der 1920er Jahren eine regelrechte Kolonie aus Exilrussen, darunter so Prominente wie Boris Pasternak, Ilja Ehrenburg oder Ossip Mandelstam. Im Café Leon und im Café Landgraf träumen sie von zu Hause.

"Sie können reden, was Sie wollen. Das wahre Leben ist in Russland," klagt der Schriftsteller Alexej Remisow. Sein Kollege Lew Lunz schätzt die Stimmung der Emigranten noch weit düsterer ein: "Sie verzehren sich in der Sehnsucht nach ihrer Heimat, sie hassen die Deutschen nicht nur, sie sind ihnen zuwider, und zwar alles Deutsche - von der Sprache bis zur Küche."

Entsprechend wenig wollen sie sich im unfreiwilligen Exil gefallen lassen. Als ein Berliner Auktionshaus am 6. November 1928 Kunst aus russischen Besitztümern unter den Hammer bringt, kommt es zum Eklat. Massive Proteste der Exilrussen prasseln auf die Kunsthandlung nieder, die Exponate seinen von der Sowjetunion unrechtmäßigerweise verkauft worden. Einige melden persönliche Besitzansprüche an. Die Kunsthistorikerin Katja Terlau ist mit solchen Problemen vertraut:

"Die Liste der Besitzer und vor allem wechselnder Besitzverhältnisse ist unendlich. Man versucht, die lückenlos zu schließen, indem man über Kunsthändler, über Besitzer, über Galerien - wenn etwa Auktionen gewesen sind, anhand von Inventarbüchern, Ausleihunterlagen usw. - immer wieder namhaft zu machen und eben eine lückenlosen Provenienzabfolge zu gewährleisten."

Trotzdem gelangt nur wenig in die Hände der alten Besitzer zurück. Vieles ist nicht nachzuweisen, manche Verkäufe sind rechtmäßig. Große Sammlungen werden in alle Winde zerstreut. Von dem legendären kobaltblauen Mocca-Service des Zaren tauchen bis heute Einzelteile im Handel auf. Während der Nazidiktatur wiederholt sich das Thema Kunstraub auf tragische Weise. Heutzutage sind Händler und Museen sensibel. Eine internationale Vereinbarung soll Unrecht verhindern.

Dr. Katja Terlau: "Letztendlich ist es ein Ergebnis einer Washingtoner Konferenz von 1998, wo man sich geeinigt hat, nochmals auf diese Besitzverhältnisse zurückzukommen und nach möglichen ungeklärten Besitzverhältnissen zu recherchieren."

Für viele zu spät. Aber immerhin ein Anfang.

Autorin: Catrin Möderler
 
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