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7.11.1963: Das Wunder von Lengede
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43 Vermisste, wahrscheinlich alle ertrunken - so lautete die erste Schreckensmeldung, nachdem am 24. Oktober 1963 ein Klärteich über einer Eisenerzgrube in Lengede aufgebrochen war. Mehr als 500.000 Kubikmeter Wasser und Schlamm hatten sich flutartig in die Tiefe des Schachts "Mathilde" ergossen und 129 Männer unter Tage überrascht.

79 von ihnen gelang es schon nach einigen Stunden, sich selbst zu retten, mit einem Floß holten wenig später Helfer noch sieben weitere Bergleute heraus. Fünf Suchbohrungen nach den restlichen Eingeschlossenen aber blieben ohne Erfolg. Doch drei Tage nach dem Unglück hörte man bei einer Tiefbohrung abseits des Hauptschachts plötzlich Klopfzeichen:

Erster Kontakt - Stimmengewirr, Klopfzeichen, Lachen, Jubel, Klatschen und die Stimme eines Bohrhelfers, die sagt: "Ach, das ist ja herrlich, die sind am Leben."

Drei Hauer hatten in 80 Meter Tiefe in eine Höhle flüchten können, wo der Überdruck der komprimierten Luft das Steigen des Wassers verhindert hatte. An der schwierigen Rettungsaktion beteiligten sich mehr als 100 Menschen - unter ihnen Fachleute von in- und ausländischen Bergungs- und Bohrunternehmen. Diese stellten ihre Spezialanlagen zur Verfügung, sahen sich aber häufig bei den Bohrungen auch mit technischen Wagnissen konfrontiert, für die es bis dahin kein Vorbild gegeben hatte.

Erstes Gespräch:
Überlebender: "Da funkt schon irgendetwas."
Helfer: "Hallo, hört ihr mich? Unten in der Bombe ist ein Mikrophon."
Überlebender: "Hallo!"
Helfer: "Ja, ich höre, bitte sprechen."
Überlebender: "Alle drei Mann nur."
Helfer: "Danke, verstanden. Ist jemand verletzt? Bitte antworten."
Überlebender: "Alle wohlauf."
Helfer: "Wir bohren zur Zeit zwei Bohrlöcher mit je 500 mm Durchmesser, durch diese Bohrlöcher werden wir euch retten. Das wird aber noch einige Stunden dauern, ihr müsst noch Geduld haben."

Es sollte noch vier weitere Tage dauern, bis die drei Überlebenden schließlich unverletzt geborgen werden konnte. Fieberhaft suchte man danach weiter nach den noch Eingeschlossenen - doch nach acht Tagen stellte man die erfolglosen Rettungsversuche ein.

Die Namen der 40 Vermissten erschienen schon auf Toten-Listen, da brachte man trotz Zweifel von Experten auf Drängen eines Hauers nochmals Suchbohrungen nieder. Und was kaum einer mehr zu hoffen gewagt hatte, trat tatsächlich am 3. November ein. Man stieß auf eine Höhle im Bruch des Gebirges, in ihr eingeschlossen sind elf Überlebende, die letzten einer Gruppe von ursprünglich 21 Bergleuten. In Finsternis und ohne Nahrung hatten sie zuletzt apathisch, aber unverletzt auf zehn Quadratmetern ausgeharrt.

Bald schon konnte man sie durch ein Bohrloch versorgen und über ein Mikrophon den Kontakt zu Rettern und Angehörigen herstellen; aber auch zu dem angereisten Bundeskanzler Ludwig Erhard:

Gespräch mit dem Bundeskanzler:
Helfer: "Herr Ebeling, bitte melden."
Ebeling: "Ja, hier Ebeling."
Helfer: "Herr Ebeling, der Herr Bundeskanzler ist hier und möchte ein paar Worte mit ihnen sprechen."
Ebeling: "Ja."
Bundeskanzler Erhard: "Meine lieben deutschen Landsleute, es war mir ein aufrichtiges Bedürfnis, heute hierher zu kommen an die Unglücksstelle, um ihnen Mut und Zuversicht zuzusprechen. Sie wissen, dass alles getan wird, um ihnen zu helfen. Ich überbringe ihnen zugleich die Grüße und die Wünsche der Bundesregierung und eine erste Hilfe für die Betroffenen.(...)"
Helfer: "Herr Ebeling, bitte ans Mikrophon nochmals."
Ebeling: "Ja, hier bin ich."
Helfer: "Der Herr Bundeskanzler möchte sich von ihnen mit einem 'Glück auf' verabschieden."
Bundeskanzler Erhard: "Herr Ebeling, Ihnen und allen Arbeitskameraden 'Glück
auf'."

Endlich, am Mittag des 7. November, konnte man die tief erschöpften Überlebenden einzeln mit einer Dahlbusch-Rettungsbombe heraufholen. Glücklicher Abschluss des "Wunders von Lengede", der bis dahin größten Rettungsaktion in der Geschichte des deutschen Bergbaus.

Sie war aber auch das bedeutendste Medienereignis der damaligen Zeit. Denn mehr als 500 Journalisten und Mitarbeiter aus Presse, Funk und Fernsehen hatten die Öffentlichkeit über zwei Wochen an den dramatischen Ereignisse vor Ort unmittelbar teilhaben lassen und damit Maßstäbe für die zukünftige Berichterstattung über ähnliche Katastrophen gesetzt. Das breite Medienecho führte zu einer ungekannten Anteilnahme der Bevölkerung, die am Ende 1,3 Millionen Mark für die Hinterbliebenen der 29 Toten spendete.

Die Schuldfrage blieb im übrigen ungeklärt, trotz jahrelanger Ermittlungen der Staatsanwalt gegen Angehörige der Grube, der Hütte und des zuständigen Bergamtes. Die Grube "Mathilde" jedoch wurde leergepumpt und dort mit modernster Technik mehr Erz als zuvor gefördert, bis man sie 1977 als unrentabel stilllegen musste.

Autor: Matthias Schmitz
   
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