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9.11.1938: Reichspogromnacht
Als in dieser Nacht die Synagogen im damaligen Deutschen Reich in Flammen aufgehen, Geschäfte zerstört und geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, misshandelt, ermordet oder verhaftet werden, ist in der propagandistischen Presse jener Zeit von einer so genannten "Antwort" auf das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath am 7. November in Paris zu lesen.

Doch diese Berichte sind entstellend, denn das, was wie ein Vergeltungsschlag der "kochenden Volksseele" aussehen soll, ist im Grunde eine im Zeitpunkt geschickt gewählte Aktion, die zum Ziel hat, die Juden endgültig aus dem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben zu entfernen.

Schon im April 1933 beginnt die Judenhetze: Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, weitere Sanktionen folgen, Juden dürfen keine Öffentliche Einrichtungen mehr betreten. Theater, Museen, Badeanstalten, Parkanlagen, Krankenhäuser sind für jüdische Bürger verboten.

Die schon seit Hitlers Machtergreifung für alle deutlich sichtbare Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Bürger zeigt sich auch in immer wieder aufhetzenden Reden an das deutsche Volk. Die nationalsozialistische Ideologie weiß, wie der Feind heißt: der Jude. Der damalige Gauleiter von Franken Julius Streicher:

"Wer ist es, der nicht haben will, dass in der Welt Friede sei? Wer ist es, der den Unfrieden unter den Menschen braucht, um selbstsüchtigen Zielen nachjagen zu können? Es ist das Volk der Juden. Es ist jenes Volk, das aufgeteilt in allen Völkern im Schweiß und Arbeit der anderen lebt. Es ist jenes Volk, das sich als Verheißung gab: es sei auserwählt, Herr zu sein in dieser Welt. Es sei auserwählt, die Völker zu fressen."

Im Herbst 1935 werden die so genannten Nürnberger Rassegesetze erlassen. Hermann Göring dankt im Berliner Reichstag seinem Führer im Namen des ganzen Volkes:

"Indem ich Sie, meine Damen und Herren Abgeordnete bitte, durch Erheben von den Sitzen diesen Gesetzesanträgen Hitlers, Göring Hesse und Genossen Ihre Zustimmung zu geben, stelle ich hiermit fest, dass alle drei Gesetze wie nicht anders zu erwarten einstimmig angenommen sind. Wir danken dem Führer, denn das deutsche Volk empfindet Dank für diese säkularen Gesetze, die dem Volk Glück für ihre Zukunft schenkt."

Auch Adolf Hitler richtet am Vorabend der Pogrome Hasstiraden gegen die Juden: "Ich will sie vernichten. Klugheit hilf mir und dann kriegst du den Stoß ins Herz hinein."

"Wir flohen in den Hof, und in den Hof kommend brannte bereits die Synagoge, und daneben stand die Feuerwehr. Ich hatte die Hoffnung, dass die Feuerwehr meine Synagoge, so nannte ich sie immer, schützen würde, aber das war nicht der Fall. Man ließ sie bis auf die Grundmauern runterbrennen, man schützte die Häuser in der Nachbarschaft", erinnert sich der Zeitzeuge Imo Moskowic aus Bielefeld.

Es gibt detaillierte Anweisungen über das Vorgehen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Der Polizei wird das Eingreifen untersagt, möglichst viele Juden sind zu verhaften und deren Eigentum zu beschlagnahmen.

Die schreckliche Bilanz: 91 jüdische Männer und Frauen werden in ihren Wohnungen, am Arbeitsplatz oder in den Gotteshäusern ermordet, Zehntausende verhaftet und in Konzentrationslager geschleppt, 191 Synagogen gehen in Flammen auf, 76 weitere werden völlig zerstört, Hunderte weitere Betstuben und Gotteshäuser demoliert.

Das Ausmaß der Brutalität übertrifft alle Erwartungen. Missbilligend nahmen die Nazis die hohe Zerstörung an Sachwerten auf und gipfelte in den Satz von Göring, es wäre ihm lieber gewesen, man hätte 200 Juden erschlagen, als solche Werte zu vernichten.

Autorin: Doris Bulau
   
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