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13.11.1974: Arafat vor der UNO
Im hellen Jackett des Wüstenkämpfers, auf dem Kopf die schwarzweiß karierte Kaffijah, die Sonnenbrille auf der Nase und die beiden Hände schüttelnd in triumphaler Geste über dem Kopf - gleich einem Boxer, der den Ring betritt. So marschierte Jassir Arafat in die 29. UNO-Vollversammlung in New York.

Der Protokollchef wollte ihn zu dem Lehnstuhl begleiten, der auf dem Rednerpult für hohe Besucher bereitsteht, Arafat indes steuerte direkt auf das Mikrofon zu. Die Versammlung erhob sich von den Stühlen und übte sich in frenetischem Beifall. Der Saal war voll bis auf den letzten Platz, einige Diplomaten und Besucher mussten sogar auf dem Boden sitzen.

Trotz der qualvollen Enge: In der vordersten Reihe blieben sechs Stühle frei. Die israelische Delegation blieb dem Auftritt des PLO Führers fern. Als der Saal zur Ruhe kam, nahm Arafat die Sonnenbrille ab und begann zu reden. Genau 91 Minuten lang. Einen Tag später kommentierte die Neue Züricher Zeitung:

"Arafats des öfteren von Applaus unterbrochene Rede war eher gemäßigt, auch wenn sie in der langatmigen Erklärungen zur Weltlage, zur Rolle der UNO und der Entstehungsgeschichte der Palästinafrage wegen der stellenweise etwas plumpen Tatsachenverdrehung gelegentlich nur schwer genießbar war."

Der Auftritt Arafats vor den Vereinten Nationen war ein Novum. Zum ersten Mal in der Geschichte der Uno-Vollversammlung, durfte der Chef einer Organisation auftreten, die weder eine Regierung noch einen Staat vertritt. Wie kam es zu der Rede Arafats in New York?

Die Palästinafrage wurde bis dahin stiefmütterlich von den Vereinten Nationen behandelt, auch waren die Palästinenser bis dahin durch nichts und niemanden bei der UNO vertreten. In New York stand, wenn überhaupt, das Flüchtlingsproblem im Nahen Osten auf der Agenda. Erschwerend kam hinzu, dass die Palästinenser durch Partisanenaktionen ihre Salonfähigkeit bei den Vereinten Nationen verloren.

Ein Wendepunkt im Verhältnis Palästinenser - UNO stellt die Gründung der Befreiungsorganisation PLO 1964 in Kairo dar. Mit der zumindest eine Vertretung geschaffen war. Doch auf diplomatischem Wege wurden zunächst nur wenige Fortschritte erzielt. Gründe dafür waren unter anderem der Sechs-Tage-Krieg 1967, aus dem Israel als deutlicher Sieger hervor ging; oder die marodierenden Splittergruppen der PLO, die sich für zahlreiche Terroranschläge verantwortlich zeichneten.

Eine Wende brachte erst das Jahr 1974. Die Palästinafrage sollte endlich wieder vor der UNO verhandelt werden. Im Sommer reiste Arafat nach Moskau. Die sowjetischen Gesprächspartner bestärkten die Palästinenser darin, die Anerkennung der Vereinten Nationen zu suchen.

Zurück aus Moskau forderte der PLO-Chef die Arabische Liga auf, die Palästinafrage vor die Vollversammlung zu bringen. So geschah es dann auch, das Votum war eindeutig: 105 Nationen stimmten dafür, nur vier dagegen, darunter Israel und die USA. Der Weg für die PLO hin zu den Vereinten Nationen war geebnet.

Die Rede Arafats am 13. November 1974 fand weltweite Beachtung. Arafat nahm die Gelegenheit wahr, abermals zu beteuern, dass er nichts gegen die Juden habe, nur gegen den Zionismus. Er streckte die Hand zur friedlichen Koexistenz aus.

Arafat: "Lasst uns Traum und Hoffnung miteinander verwirklichen, dass ich mit meinem Volk aus der Verbannung zurückkehren kann und wir gemeinsam mit diesem jüdischen Kämpfer und seinen Kameraden, gemeinsam mit diesem christlichen Erzbischof und seinen Brüdern in ein und demselben demokratischen progressiven Staat, in dem Christ, Jude und Moslem unter gleichen Rechten, in Gerechtigkeit und Brüderlichkeit miteinander leben können."

Außerdem stellte Arafat drei Forderungen auf, die auf Selbstbestimmung, auf Rückkehr in die Heimat und auf die Errichtung einer palästinensischen, nationalen Autorität abzielten. Unter großen Beifall beendete Arafat seine Rede mit den Worten:

"Heute kam Ich zu Euch, in einer Hand den Ölzweig und in der anderen Hand das Gewehr der Revolution, lasst den grünen Zweig nicht aus meiner Hand fallen."

Die Rede blieb nicht ohne Konsequenzen. Es war der Einstieg der PLO hin zu einer realistischeren Politik, besonders was das Existenzrecht Israels betraf. Außerdem gewährten die UN der PLO einen Beobachterstatus. Infolge dieser Entwicklung erlaubten mehr als 100 Staaten der PLO die Einrichtung offizieller Vertretungen in ihren Hauptstädten.

Zugleich führte das politische Taktieren Arafats aber auch zu scharfer Kritik durch radikale, von Syrien unterstützte Palästinensergruppen. Sie warfen dem PLO-Führer vor, den Weg des bewaffneten Kampfes gegen den zionistischen Feind verlassen zu haben. So blieb der Palästinafrage neben den diplomatischen Fortschritten der Terror erhalten.

Autor: Oliver Ramme
   
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