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17.11.1994: Zwölf Jahre Haft für "Topas"
"Ein idealistischer Altachtundsechziger, der (dann) für die DDR spionierte und durch die von Brüssel nach Ost-Berlin und Moskau verratenen NATO-Dokumente dazu beigetragen hat, denen im Osten begreiflich zu machen, wie wenig von der NATO ein atomarer Erstschlag zu befürchten sei."

So skizziert 1998 der Schriftsteller Martin Walser in seiner Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche die Motive des Topspions Rainer Rupp, der unter dem Decknamen 'Topas' jahrelang für die DDR spioniert hat. Was für ein Mensch steckt hinter dem mineralischen Namen? Er wird 1945 als Rainer Rupp im Saarland geboren. 1968, er studiert gerade Volkswirtschaft in Mainz, da gerät er in das Visier eines Stasi-Werbers und wird für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR rekrutiert.

Zwei Jahre später trifft er die in England geborene Ann-Christine Bowen. Als Sekretärin des Londoner Verteidigungsministeriums ist sie 1968 mit der britischen Militärmission zur NATO gesandt worden. Bowen und Rupp verlieben sich ernsthaft ineinander. Politisch schwimmen sie auf der selben Wellenlänge: gegen das imperialistische Amerika und den Vietnamkrieg, er gesteht ihr seine Spitzeltätigkeiten. 1972 heiraten sie und arbeiten künftig gemeinsam für die Stasi unter den Decknamen 'Topas' und 'Türkis'.

Fortan floriert in Brüssel die familiäre Spionage-Agentur Rupp. 'Türkis' schmuggelt in ihrer Handtasche die NATO-Dokumente aus dem Haus, einige haben den Stempel 'COSMIC TOP SECRET', die höchste Geheimhaltungsstufe. Zuhause fotografiert 'Topas' die Unterlagen mit einer Stasikamera, 'Türkis' bringt die Dokumente noch am selben Tag wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück. Auch Rupp kommt an Unterlagen heran, denn er arbeitet bei der NATO im Wirtschaftsdirektorat. Seine Auswahlkriterien:

Topas: "Was gut war, habe ich verraten."

Von 1977 bis zum Ende der DDR verrät 'Topas' hochbrisante Geheimnisse. Dafür wird er mit einer Mietvilla in einem Brüsseler Nobelvorort und mehr als 700.000 Mark belohnt. Im DDR-Ministerium für Staatssicherheit gilt er als Juwel der Hauptverwaltung Aufklärung.

Die CIA kommt ihm auf die Spur, aber erst 1993 wird er enttarnt. Die Spionagetätigkeiten von Rupp und seiner Frau, so ein deutscher Ermittler, hätten einen Krieg verursachen können.

"Ich habe falsch gehandelt und bin bereit, dafür zu bezahlen," sagt Rupp am 17. November 1994, als er vom Düsseldorfer Oberlandesgericht wegen Verrats zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wird. Seine Frau Ann-Christine bekommt 22 Monate auf Bewährung.

Prominente wie Marion Gräfin Dönhoff, Günther Grass oder Egon Bahr setzen sich für Rupp ein. Auch die PDS lässt ihn nach seiner Verurteilung nicht hängen. Sogar Gregor Gysi kommt nach Saarbrücken zum Knastbesuch und Ende Dezember 1998 erhält er, denn inzwischen ist er Freigänger, eine pikante Mission: die PDS-Fraktion hat den heimlichen Helden der DDR als Berater für außen- und sicherheitspolitische Fragen verpflichtet.

Das führt zu heftigen politischen Auseinandersetzungen, der CDU-Politiker Rupert Scholz: "Wir sind nach wie vor Mitglied der NATO! Und die NATO hat er damals eben ausspioniert, und das geht auf gar keinen Fall, dass ein Mann dieser Art hier in Zusammenhang mit solchen Kommissionen tätig wird."

Der PDS-Vorsitzende André Brie hält dagegen: "Wir halten es auch für eine Frage der sozialen Reintegration. Man kann doch nicht neun Jahre nach der deutschen Einheit die Spione des Westens als Helden feiern und denen des Ostens will man nicht einmal diese Integration gönnen. Das geht einfach nicht."

Angela Merkel ist strikt gegen die Vergabe sicherheitsrelevanter Aufgaben an Rupp: "Ich bin nicht dafür, dass er begnadigt wird, das muss ich ganz klar sagen. Ich unterscheide mich damit auch von Herrn Walser, der hier ne ganz andere Meinung vertritt. Die Frage ist nicht sicherheitspolitisch relevant, die Frage ist geschichtsmäßig relevant und so zu beantworten, dass letztlich die Beschäftigung von Herrn Rupp eine Ohrfeige für alle die ist, die unter der SED-Herrschaft gelitten haben."

Der PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch ist für die Amnestie und äußert: "Gerade auch Menschen, die auch zu ihrer Vergangenheit stehen, und er war immer jemand, der in Ost und West durchaus für Frieden agiert hat, das will ich, und das steht ausdrücklich auch im übrigen in seiner Verurteilung drin, dass es so ist, das qualifiziert ihn schon. Aber ich will nochmal betonen, er soll nicht an herausgehobener Stelle für die PDS arbeiten, er soll in einzelnen Fragen für uns Aufgaben lösen."

Rainer Rupp ist vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Vielleicht hat er das auch Menschen wie Martin Walser zu verdanken, der in seiner Friedenspreisrede gesagt hat: "Aber dann ist die Rede zu Ende, ich gehe essen und schreibe morgen weiter am nächsten Roman und der Spion sühnt und sühnt und sühnt bis ins nächste Jahrtausend. Wenn das nicht peinlich ist, was bitte ist dann peinlich?"

Autorin: Sabine Ochaba
   
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