Kalenderblatt dw.com
 
23.11.1992: Der Mord von Mölln
Türkische Nachbarin: "Ich arbeitete im Restaurant. Ich bin zu Hause gekommen, und jeder schreit da und so. Unser Nachbar wollte die Tür aufmachen, und die geht nicht auf. Das war sehr schlimm. Und in dem anderen Haus sind Tote und so. Drei Tote, zwei Frauen und eine Kind."

Mölln, am Morgen des 23. November 1992. Von den mehrstöckigen Häusern an der Mühlenstraße 9 und in der Ratzeburgerstraße 13 stehen nur noch ausgebrannte, rußgeschwärzte Mauern. Kurz nach Mitternacht wurden der Feuerwehr zwei Brände gemeldet. Das Ungewöhnliche: Der Anrufer verabschiedete sich mit dem Hitlergruß.

Als die Rettungskräfte eintreffen, stehen Männer, Frauen und Kinder in den Fenstern der brennenden Häuser und schreien verzweifelt um Hilfe. Andere, wie die damals 20-jährige Ayten Arslan, liegen schwerverletzt auf der Straße: Sie war mit ihrem sechsjährigen Sohn Emra im Arm aus dem oberen Stockwerk des Hauses an der Mühlenstraße 9 hinunter gesprungen und überlebte das Inferno ebenso wie ihre 21-jährige Schwägerin Hava Arslan nur mit schweren Knochenbrüchen.

Für Havas zehnjährige Tochter Yeliz und ihre Schwiegermutter Bahide sowie die 14-jährige Nichte Ayse, die zu Besuch aus der Türkei gekommen war, kommt jede Hilfe zu spät: Sie sterben in den Flammen. 44 Menschen werden von einer auf die andere Stunde obdachlos. Die türkische Großfamilie Arslan lebte seit zwanzig Jahren in der 17.000-Einwohner-Stadt südlich von Lübeck.

Eine Nachbarin steht am Morgen fassungslos vor den rot-weißen Absperrgittern der Polizei: "Das waren liebe Leute, die haben wirklich keinem Mensch was getan und auch keinem Arbeit weggenommen."

Dieser Satz, so wohlwollend er möglicherweise gemeint war, verrät einiges über das politisch-gesellschaftliche Klima, in dem sich der Brandanschlag von Mölln ereignete: Seit der Wiedervereinigung und besonders jetzt, im Herbst 1992, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und die Wirtschaft schwächelte, hatte sich eine Stereotype in die Köpfe nicht nur der gewaltbereiten Jugendlichen gestanzt: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg."

Insbesondere konservative Politiker bereiteten mit der Debatte um eine Änderung des Grundrechts auf Asyl und Parolen wie "Das Boot ist voll" den Nährboden, auf dem Ausländerhass, Gewalt und Gleichgültigkeit gedeihten. Mölln war nur der - vorläufige - Höhepunkt einer bis dahin einmaligen Welle der Gewalt. Die Rechtsradikalen zogen seit Anfang der 90er Jahre eine Blutspur durch das wiedervereinte Deutschland: Obdachlose, Ausländer, Behinderte wurden erschlagen, ertränkt, angezündet, vor Zügen geworfen. Stichworte sind Hoyerswerda, Hünxe, Rostock. Jedesmal verhängte die Justiz Strafen am unteren Rand des möglichen Strafmasses.

In Mölln hatte erstmals Generalbundesanwalt Alexander von Stahl die Ermittlungen an sich gezogen - weil es sich um einen "Anschlag auf die innere Sicherheit" handelte. Die verkohlten Mauern der Mühlenstraße 9 wurden zum weltweiten Symbol deutscher Fremdenfeindlichkeit.

Das Gericht verhängte gegen die beiden rechtsradikalen Täter von Mölln - den damals 20-jährigen Lars Christiansen und den sieben Jahre älteren Michael Peters - erstmals die Höchststrafe bei einem rechtsextremistischen Gewaltdelikt: zehn Jahre Jugendhaft sowie lebenslänglich wegen Mordes.

Rund zwei Wochen nach Mölln, am 6. Dezember 1992, kam es in München zur größten Demonstration der Nachkriegszeit: 400.000 Menschen protestierten mit einer beispiellosen Lichterkette gegen die Fremdenfeindlichkeit. Die Chance für einen politischen Klimawechsel, für eine breite gesellschaftliche Diskussion, die aber angesichts der neuerlichen Überfälle und Morde gegen Ausländer, Obdachlose und Behinderte vertan wurde, wie Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung meint, der für sein Buch "Deutschland leicht entflammbar" 1994 den Geschwister-Scholl-Preis erhielt.

Prantl: "Man kann im Prinzip heute, im Jahr 2000, die gleichen Kommentare wie im Jahr 92 wieder schreiben. Aus Anlass der Leitkulturdebatte, aus Anlass des neuerlichen Vorstoßes der CSU, das Asylgrundrecht abzuschaffen. All die Vokabeln, die schon im Jahr 1992, zu Möllns Zeiten, als gefährlich erkannt waren, sind nach wie vor in Gebrauch, neue werden erfunden."

Die Arslans sind wieder eingezogen in ihr renoviertes Haus an der Mühlenstraße 9. Am Hauseingang hängt eine Gedenktafel. Deutsche und Türken seien nach dem Anschlag noch näher zusammengerückt in Mölln, sagt der Bürgermeister der Stadt, Wolfgang Engelmann von der SPD. Der Rechtsradikalismus ist also besiegt in Mölln?

Bürgermeister Wolfgang Engelmann: "Es gibt ja Anzeichen dafür, dass es den Rechtsradikalismus, den man Mölln derzeit durch die Tat zweier Jugendlicher eingeräumt hatte, gar nicht gegeben hat."

Autor: Frank Gerstenberg
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Die Frage: "Haben Sie ein Hirn?" kann einwandfrei nur der Metzger beantworten.
  > Herbert Achternbusch
> RSS Feed
  > Hilfe
Welches Gedicht stammt von dem Dichter Paul Celan?
  "Grauzone morgens"
  "Todesfuge"
  "Schatten des Tages"