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5.3.1946: Churchill und der "eiserne Vorhang"
5. März 1946: Winston Churchill, vor einem Dreivierteljahr noch Premierminister Großbritanniens, ist in die USA gereist. Auf Einladung des Westminster Colleges in Fulton im US-Staat Missouri wird er einen Vortrag halten. Der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman wird anwesend sein, wenn der große Verbündete im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland - fast ein Jahr ist das her - in Fulton spricht; und ein Jahr zuvor ist Franklin D. Roosevelt gestorben. Die Alten sind abgetreten, der Westen hat neue Männer auf die politische Bühne geschickt: Truman in den USA, Clement Attlee in Großbritannien; nur einer ist geblieben: Stalin in der Sowjetunion.

Churchill in Fulton

Was wird er an diesem 5. März 1946 sagen, er, der große Mann aus dem fernen Europa? Aus jenem Kontinent, in dem einst Krieg geherrscht hat, aus jenem Europa, von dem man nun nicht mehr viel hört. Churchill wird die US-Amerikaner aufrütteln, er wird ihnen sagen, was in der Alten Welt vor sich geht - und er wird einen Begriff prägen, den Europa 40 Jahre lang nicht vergessen wird: "Über die vor so kurzer Zeit noch vom alliierten Sieg erleuchteten Schauplätze haben sich Schatten gesenkt. Niemand weiß, was Sowjetrussland und seine kommunistischen internationalen Organisationen in unmittelbarer Zukunft zu unternehmen gedenken. Niemand kennt die Grenzen ihrer expansiven und zum Kommunismus bekehrenden Tendenz, falls solche Grenzen überhaupt existieren."

Der Begriff, der Geschichte machen wird

Das klingt geheimnisvoll, dunkel. Doch Churchill spricht voller Achtung von seinem Kriegskameraden Stalin, er heißt Russland im Kreis der führenden Nationen dieser Welt willkommen. Er äußert Verständnis für das Sicherheitsbedürfnis der Russen, für den Wunsch nach sicheren Grenzen. Und dann fällt er, der Begriff, der Geschichte machen wird: "Von Stettin an der Ostsee bis nach Triest am Adriatischen Meer ist längs durch den Kontinent ein eiserner Vorhang heruntergerasselt. Hinter dieser Linie liegen die Hauptstädte der alten, geschichtlichen Staaten Mittel- und Osteuropas: Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia, alles berühmte Städte. Und die Völker um sie herum leben in dem, was ich die sowjetische Einflusssphäre nennen muss. Sie alle unterliegen, in der einen oder anderen Form, nicht nur sowjetischem Einfluss, sondern zu einem sehr hohen und in vielen Fällen steigenden Maße auch der Kontrolle Moskaus."

"Iron Curtain" - ein Eiserner Vorhang teilt Europa. Für die US-Amerikaner ist das, was Churchill sagt, alarmierend; obschon Truman die Befürchtungen des Gastes aus der Alten Welt kennt. Denn der Brite hat ihm 1945, da ist Churchill noch Premier gewesen, geschrieben, man möge sich zunächst ohne Stalin treffen und dann erst eine Konferenz der Großen Drei einberufen. Auch in diesem Brief hat er schon von einem Eisernen Vorhang gesprochen

Befreites Europa, entfernt vom Ewigen Frieden

5. März 1946 in Fulton, Missouri. Churchill kommt zum Ende seines Vortrags über den Eisernen Vorhang in Europa. Die Blockade Berlins durch die Russen wird später zur Kraftprobe zwischen Ost und West werden, doch dies ahnt noch niemand. Churchill spricht, enttäuscht vom befreiten Europa, weit entfernt vom Ewigen Frieden: "Welche Schlüsse man auch immer aus diesen Tatsachen - und Tatsachen sind es - ziehen will: Das befreite Europa, für dessen Errichtung wir kämpften, ist dies ganz gewiss nicht. Es ist auch nicht das Europa, das die wesentlichen Kriterien ewigen Friedens in sich trägt."



Autor: Claus-Dieter Gersch
   
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