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17.12.1903: Erste Motorflüge
Es ist erstaunlich, wie häufig Brüderpaare in der Frühzeit der Flugtechnik, bei der Eroberung der Luft, von sich reden gemacht haben. Die bekanntesten von ihnen sind die US-Amerikaner Wilbur und Orville Wright aus Dayton im Bundesstaat Ohio.

Die Wrights waren Fahrradmechaniker, bevor sie 1899 begannen, sich mit dem Flugproblem zu befassen. Ihnen gelangen vier Jahre später, am 17. Dezember 1903, in den Sanddünen von Kitty Hawk an der US-amerikanischen Ostküste die ersten Motorflüge von ebener Erde aus, mit Motorkraft und von Menschenhand gesteuert. Es waren kurze Hopser, der längste von ihnen nicht einmal 250 Meter weit, und von einer Holzschiene aus, die in den losen Dünensand gelegt worden war - aber ohne Zweifel die ersten wirklichen und dokumentierten Motorflüge in der Fluggeschichte.

Fliegende Brüder

Die Öffentlichkeit nahm damals kaum Kenntnis von diesem epochalen Ereignis - wie man es nennen muss - weil es die Welt veränderte. Zwar gab es einige obskure Zeitungsberichte darüber, um die sich aber niemand wirklich kümmerte. Und das Interesse wurde auch nicht geweckt, als die Brüder Wright wenige Tage später eine Richtigstellung dazu abgaben.

Die Öffentlichkeit wusste offensichtlich noch nicht richtig einzuschätzen, was in Kitty Hawk geschehen war. Die Ballonfahrt interessierte die Menschen bereits, und vom lenkbaren Ballon, dem Luftschiff, versprachen sich Wissenschaftlicher, Politiker und das Publikum die Lösung für die Eroberung der Luft. Wer aber mit einem Flugapparat, der schwerer als die umgebende Luft war, aufsteigen wollte, galt als Phantast und wurde in der Regel ausgelacht.

Einige Jahre lang, bis 1908, haben die Brüder Wright dann selbst ein großes Geheimnis um ihre inzwischen weiterentwickelte Flugmaschine gemacht, um Patentansprüche nicht zu gefährden. Das führte dazu, dass in Europa mehr von den "lügenden Brüdern" als von den "fliegenden Brüdern" die Rede war.

Die Wright-Flugmaschinen

Bis Wilbur Wright im Sommer 1908 mit seinem Flugapparat nach Europa kam und ihn in Frankreich öffentlich vorführte. Dabei hat er nicht nur die Franzosen, sondern alle Europäer mit seinen Flugleistungen erstaunt und begeistert. Er blieb mehr als zwei Stunden in der Luft und legte dabei mehr als 200 Kilometer Flugstrecke ohne Zwischenlandung zurück.

Der jüngere Bruder, Orville, führte ein Jahr später in Deutschland die ersten Demonstrationsflüge vor: auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, dem damaligen Exerzierplatz der kaiserlichen Armee. Auch er blieb mit dem Doppeldecker, der noch kein Fahrwerk hatte, sondern auf Kufen landete und dessen Höhenleitwerk vorn angebracht war, an die zwei Stunden in der Luft und stellte mit 152 Metern Höhe einen Weltrekord auf. Mehr als 300.000 Berliner jubelten ihm zu.

Noch im gleichen Jahr 1909 wurde in Berlin die "Deutsche Wright-Gesellschaft" gegründet. Diese Gesellschaft hat damals den Wright-Doppeldecker erfolgreicher gebaut und verkauft als selbst die Muttergesellschaft in den USA. Im Jahre 1910 wurde ein Drittel aller Piloten in Deutschland auf Wright-Flugmaschine ausgebildet, und mit ihnen wurden die meisten Flugwettbewerbe gewonnen.

Vom Gleitflug zum Motorflug zum Rumpfflugzeug

Nach 1912 ging es schnell abwärts, weil die Brüder Wright zu lange am Grundkonzept ihrer Maschine festhielten: am offenen Gitterrumpf und am Zweipropeller-Druckantrieb hinter den Tragflächen. Sie blieben damit hinter der Entwicklung in Europa zurück, die inzwischen zum Rumpfflugzeug mit vorn liegendem Zugpropeller übergegangen war.

Die Leistung der Wrights als Flugzeug- und Motorkonstrukteure wie als erste Motorflieger ist weltweit anerkannt. Ihr erstes Flugzeug, der sogenannte "Wright-Flyer I" ist neben der "Spirit of St. Louis", mit der Charles Lindbergh 1927 allein und nonstop von New York nach Paris über den Nordatlantik flog, sowie der US-amerikanischen Mondlandefähre von 1971 das Schmuckstück im "National Air and Space Museum" in Washington.

In Deutschland erinnert man sich gern daran, dass die Brüder Wright nach eigenem Bekunden auf der Arbeit und den Erkenntnissen des deutschen Flugpioniers Otto Lilienthal aufgebaut haben. Wie Lilienthal, der 1896 bei einem Gleitflugversuch tödlich abstürzte, haben sie mit Gleitflugversuchen begonnen und zunächst an ihren Gleitern mechanische Steuervorrichtungen erprobt, bevor sie zum Motorflug übergingen.

Die Wrights und Lilienthal

Die letzte Publikation von Wilbur Wright, der 1912 im Alter von 45 Jahren an Typhus starb, war eine Eloge auf Otto Lilienthal. Sein Aufsatz wurde posthum vom Aero Club von Amerika veröffentlicht. Er beginnt mit den Worten: "Von all den Männern, die sich im 19. Jahrhundert mit dem Flugproblem befasst haben, war Otto Lilienthal zweifellos der bedeutendste. Seine Größe zeigte sich in jeder Entwicklungsphase des Problems. Niemand kam ihm gleich in dem Vermögen, andere Menschen dafür zu begeistern. Kein anderer hat so klar und umfassend wie er die Grundlagen des Menschenfluges erkannt. Nicht einer tat so viel wie er, die Welt von den Vorzügen der gewölbten Tragflächen zu überzeugen, und niemand hat so viel wie er dazu beigetragen, das Problem des Menschenfluges aus den Studierstuben hinauszuführen in den freien Wind, wohin es gehörte."

Den honorigen Worten Wilbur Wrights über Lilienthal ist nichts hinzuzufügen. Die Wrights selber haben die Entwicklung über Lilienthal hinausgeführt, indem sie mechanische Steuervorrichtungen entwickelten und einen funktionstüchtigen Flugmotor konstruierten, an dem es Lilienthal wenige Jahre zuvor noch gemangelt hatte.


Autor: Werner Schwipps
   
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