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18.12.1979: Küng verliert Lehrerlaubnis
Für den späten Vormittag hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner, von 1969 bis 1987 Erzbischof von Köln, zu einer Pressekonferenz eingeladen - ohne das Thema anzugeben.

Eine gute Stunde zuvor liefert ein Kurier der Bonner Vatikanbotschaft in Tübingen ein Schreiben der römischen Glaubenskongregation aus. Doch der Adressat ist verreist und kann nur telefonisch verständigt werden, dass in Köln die Öffentlichkeit über das römische Schreiben informiert wird.

"Professor Hans Küng", so erläutert der Kölner Kardinal den Journalisten, "weicht in seinen Schriften von der vollständigen Wahrheit des katholischen Glaubens ab. Darum kann er nicht als katholischer Theologe gelten und nicht als solcher lehren."

Konflikt mit Rom

Am 18. Dezember 1979 erreicht der Streit zwischen Hans Küng und der vatikanischen Glaubensbehörde, der zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zehn Jahren schwelt, seinen disziplinarischen Abschluss. Dem Tübinger Theologen wird die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

"Wichtig ist, glaube ich, für einen Theologen heute, dass er vom Evangelium her nun die Sorgen und Hoffnungen der heutigen Menschen ausdrückt. Und das wird dann sicher auch in Rom ernst genommen werden müssen." So erläuterte Hans Küng sein Anliegen Mitte der 1970er-Jahre in einem Interview der Deutschen Welle, als der Konflikt mit Rom zunächst beigelegt scheint.

1928 im schweizerischen Sursee im Kanton Luzern geboren, beginnt Küng nach seinem Studium in Rom darüber nachzudenken, ob die jahrhundertealten Formeln, in denen der katholische Glaube vermittelt wird, für den modernen Menschen noch verständlich seien: "Mir geht es vielmehr um das, wie wir heute Gott verstehen müssen, dass der heutige Mensch etwas damit anfangen kann."

Vom Ersten zum Zweiten Vatikanischen Konzil

Kernfrage wird ihm, ob das kirchliche Lehramt in menschlichen Worten und Sätzen unwiderrufbar Glaubensinhalte formulieren kann, die das Begreifen übersteigen. Küng ist überzeugt, dass Begriffe und Sprachformeln stets zeitbedingt sind und ständig neu überdacht werden müssen.

Konsequent kritisiert er das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, den Glaubenssatz, der 1871 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil unter merkwürdigen Umständen zustande kam. Die Kirchengeschichte lehrt ihn, dass Päpste schon vielfach definitive Glaubenssätze verkündet haben, die sich im Nachhinein als fehlerhaft oder gar als Irrtum erwiesen haben.

Schon 1957 wird in der Glaubensbehörde des Vatikans ein "Dossier Küng" angelegt, um Fragwürdigkeiten seiner Theologie im Auge zu behalten. Dennoch beruft Papst Johannes XXIII. den Theologen, der seit 1960 als Professor an der Universität Tübingen lehrt, zum offiziellen Berater für das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965), das sich die Aufgabe stellt, Glauben und Kirche auf die Höhe der Zeit zu bringen.

"Dossier Küng"

Aber bald nach dem Ende der bedeutsamen Bischofsversammlung und unter Papst Paul VI. greift die Glaubenskongregation das "Dossier Küng" wieder auf, eröffnet insgeheim ein Lehrbeanstandungsverfahren und versucht, die Verbreitung seiner Bücher zu unterbinden. Es beginnt ein jahrelanger Streit um ein faires Verfahren.

Hans Küng sagte dazu: "Es sind ja vor allem zwei Punkte, die endlich geregelt werden müssten: Ein Verfahren, wo der Angeklagte nicht volle Akteneinsicht hat, scheint mir unmöglich zu sein. Das habe ich nicht gehabt, und das sollte in Zukunft möglich sein. Und zweitens ein Verfahren, wo man nicht einen Rechtsbeistand hat, das ist auch gegen alles, was als Menschenrecht heute angesehen wird. Auch das sollte möglich sein. Ich hoffe, dass man diese Dinge vor allem nun einführt, weil ich meine, das alles ist doch im Grunde gegen das Evangelium."

Weltethos

Küng darf sich in Rom nicht verteidigen; einseitig betreibt der Vatikan das Verfahren bis zum Entzug der Lehrerlaubnis kurz vor Weihnachten 1979. Nach deutschem Beamtenrecht kann Küng als Professor jedoch nicht entlassen werden, er erhält in Tübingen einen eigenen Lehrstuhl für ökumenische Theologie.

Von da aus entwickelt er bis heute ein neues wissenschaftliches Projekt, eine Stiftung unter dem Titel "Weltethos": Ein Konzept für moralisches Denken und Handeln im Zeitalter der Globalisierung.


Autor: Dr. Hajo Goertz
   
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