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19.12.1984: Hongkong-Rückgabevertrag
Eilig hatten es die Chinesen nicht. Sie warteten einfach ab. Sie wussten es immer, 156 Jahre lang: Hongkong war und ist chinesisches Territorium. Auch wenn sie schwiegen - vergessen hatten sie die Schmach, die Demütigungen nie - als der chinesische Kaiser in der Folge des ersten Opiumkrieges 1842 jenen Vertrag unterschreiben musste, der die Insel Hongkong "auf ewig" Ihrer britischen Majestät, Königin Victoria im fernen London, übereignete. Damals hatte Hongkong nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was es einmal werden sollte. Es war, wie der britische Außenminister Lord Palmerstone seinerzeit sagte: "(...) merely a barren island with hardly a house upon it - Nur eine Unfruchtbare Insel mit kaum einem Haus darauf."

1860 diktierte England den Chinesen die Abtretung der Landzunge Kowloon. 1898 pachtete es noch die "New Territories", das Hinterland Hongkongs, dazu. Als Reiskammer, sozusagen. Denn allein waren Hongkong und die Landzunge Kowloon nicht lebensfähig. Der Pachtvertrag war für 99 Jahre gültig - bis 1997. An Pacht zahlten die Briten übrigens nie einen Penny.

Kronjuwel des Kapitalismus

Hongkong, die britische Kronkolonie, wurde zum Kronjuwel des Kapitalismus schlechthin, die Glitzermetropole des Fernen Ostens. Selbst die chinesischen Kommunisten schienen es zu akzeptieren: Solange die Briten für Ruhe und Ordnung sorgten, den Geist der Demokratie nicht wirklich aus der Flasche ließen, war keine Gefahr im Verzug, war Hongkong die Gans, die auch für China goldene Eier legte.

Auch als 1967 die Kulturrevolution nach Hongkong überschwappte, geschah nichts. "Der Anruf aus Peking", wie man die nicht nur theoretische Möglichkeit jederzeitigen chinesischen Eingreifens umschrieb, er kam nicht. Als die britische Premierministerin Margaret Thatcher im September 1982 Peking besuchte, hatte sich das Blatt gewendet. In Deng Xiaoping fand die Eiserne Lady einen knallharten Verhandlungspartner. Argumente wie Hoheitsrechte, Verträge, moralische Verpflichtung, Freiheit - für die chinesische Seite zogen sie nicht. Verärgert, ja deprimiert, wie sie selber später schrieb, reiste Margaret Thatcher wieder ab.

Als sie zwei Jahre später wiederkam und am 19. Dezember 1984 jene auf Experten-Ebene ausgehandelte gemeinsame britisch-chinesische Vereinbarung unterschrieb, musste sie für das Empire die unverrückbare Tatsache akzeptieren: "Die Regierung der Volksrepublik China erklärt, dass die Rückgewinnung des Gebietes von Hongkong das gemeinsame Ziel des ganzen chinesischen Volkes ist und dass sie entschieden hat, die Ausübung der Souveränität über Hongkong ab dem 1. Juli 1997 wieder zu übernehmen."

Filetstück des Kapitalismus

Großbritannien, das "Mutterland" der Demokratie, hatte seine Chance nicht genutzt. Mit Hongkong wurde ein Filetstück des Kapitalismus an ein kommunistisches System übergeben - ein in jeder Hinsicht einzigartiger historischer Vorgang. Die 6,3 Mio. Hongkonger wurden nicht gefragt.

Nach der Vertragsunterzeichnung an jenem 19. Dezember 1984 versuchte Margaret Thatcher bange Erwartungen auszuräumen: "Hongkong wird sein wirtschaftliches System und seine Lebensweise für 50 Jahre nach dem 1. Juli 1997 beibehalten. Der Vertrag gibt Hongkong einen hohen Grad an Autonomie. Hongkonger werden Hongkong verwalten. Das Konzept "Ein Land-zwei Systeme" mit zwei politisch, sozial und wirtschaftlich unterschiedlichen Systemen in einer Nation ist ohne Beispiel."

Als die Eiserne Lady nach der Vertragsunterzeichnung die Grosse Halle des Volkes verließ, stolperte und stürzte sie - das Empire war in chinesischen Augen in die Knie gezwungen worden.


Autorin: Christa Kokotowski
   
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