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23.12.1920: "Der Reigen" uraufgeführt
"Mit dem 'Reigen' hat Schnitzler das Theater, das ein Haus der Freuden sein sollte, zu einem Freudenhause, zum Schauplatz von Vorgängen und Gesprächen gemacht, wie sie sich schamloser in keiner Dirnenhöhle abwickeln können." Soweit die "Wiener Reichspost". Voller Wut reagieren die Zeitungen auf ein Stück des österreichischen Dramatikers Arthur Schnitzler.

Dabei ist es gar nicht neu, 23 Jahre lang schlummert es schon in der Schublade des Dichters. Der Wiener Verlag gibt irgendwann einmal 200 Exemplare davon heraus. Die Resonanz ist nicht sehr umfangreich. Erst durch die öffentliche Aufführung wird ein Skandal daraus, denn es zeigt, wovon man nicht sprechen darf: Erotischen Partnerwechsel in zehn Szenen.

Zehn Dialoge

Eigentlich schwebt Arthur Schnitzler eine gesunde und freche Komödie vor. Aber endlos-graue Wintertage verdunkeln im Januar 1897 seine Stimmung. Er schreibt, heraus kommt eine Folge von zehn Dialogen. Jedes Mal geht es um "das Eine".

Die brisante Ironie liegt in der Abfolge der Paare. Denn am Ende schließt sich ein Kreis: Dirne mit Soldat, Soldat mit Stubenmädel, Stubenmädel mit jungem Herrn, junger Herr mit junger Frau, junge Frau mit Ehemann, Ehemann mit süßem Mädel, süßes Mädel mit Dichter, Dichter mit Schauspielerin, Schauspielerin mit Graf, der Graf mit der Dirne.

Arthur Schnitzler meinte dazu: "Geschrieben habe ich den ganzen Winter über nichts als eine Szenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt, aber, nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unsrer Cultur eigentümlich beleuchten würde."

Der Finger in der Wunde

Schnitzler legt den Finger in eine Wunde. Liebe und Erotik sind Tabuthemen in der ausgehenden k. u. k Monarchie. Nach außen zeigt man bigotte Wohlanständigkeit. Hinter der Kulisse fällt die Maske, jeder darf alles. Auch der junge Herr mit dem Stubenmädel. Solange nur keiner darüber spricht.

Arthur Schnitzler ist Spezialist für Stoffe voller ausgesprochener und unausgesprochener Erotik. "Leutnant Gustl", "Das weite Land" oder "Liebelei" - in dem meisten seiner Werke kommt es durch missbrauchte Gefühle zur Tragödie. Schnitzler ist selber nicht unschuldig. Der Ehemann und Vater hat jahrelang ein Verhältnis mit der Schauspielerin Adele Sandrock. Sie zerbricht daran.

Entrüstung und Behagen

Antisemitische Kreise nehmen die pikanten Themen zum Anlass, Schnitzler, den Sohn einer jüdischen Großbürgerfamilie, unter Beschuss zu nehmen. Deutschnationale Kreise inszenieren nach der Premiere des "Reigen" am Berliner Kleinen Schauspielhaus Krawalle. Außerdem läuft eine Anklage gegen die Direktion, den Regisseur und die Darsteller. Begründung: Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Der "Reigen" und alle anderen Stücke von Arthur Schnitzler setzen sich irgendwann durch. Sie beobachten Charakterschwächen zu scharf, sie enthüllen Doppelmoral zu schonungslos, als dass sich die Zuschauer auf Dauer ihrer Faszination entziehen könnten. Getreu der Prophezeiung des Schriftstellers Karl Kraus: Im erotischen Theater stellt ein und dasselbe Menschenpack Entrüstung und Behagen.


Autorin: Catrin Möderler
   
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