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8.3.1963: Die Ba'ath-Partei kommt an die Macht
Kaum ein Syrer dürfte überrascht gewesen sein, als am 8. März 1963 die Armee die wichtigsten Einrichtungen des Landes besetzte und einen "Nationalen Revolutionsrat" ausrief. Syrien war Putsche und Umstürze, Krisen und Machtwechsel gewohnt: Seit der Aufkündigung der kurzlebigen Vereinigung mit Ägypten - bei der Syrien die Rolle der Nordprovinz der "Vereinigten Arabischen Republik" unter der Führung des legendären Gamal Abdel Nasser gespielt hatte - war es in Syrien zu erneutem politischen Chaos gekommen, das stark an die Jahre von der Unabhängigkeit 1946 bis zur Vereinigung mit Ägypten 1958 erinnerte.

Ein Kabinett von Militärs und Zivilisten

Seit dem Zerfall der Einheit 1961 hatten sich in Syrien vier verschiedene Regierungen abgelöst - keine von ihnen war länger als vier Monate an der Macht. Die Armee mischte wieder eifrig mit und fortwährender Streit zwischen Armee und Politikern verhinderte eine dauerhafte und stabilisierende Regelung.

Angesichts dieser Entwicklung hatte man sich in Syrien zusehends auf einen neuen Putsch eingestellt, und er kam denn auch. Nur: der erste Schritt ereignete sich im Irak: Am 8. Februar 1963 putschte sich dort Abdul Salam Aref an die Macht und mit ihm der irakische Flügel der "Ba'ath"-Partei. Einen Monat später war deren Zeit auch in Syrien gekommen: Der neue Führer des Revolutionsrates, General Atasi, lud den Führer der syrischen Ba'ath-Partei Salah Bitar ein, ein Kabinett von Militärs und Zivilisten zu bilden.

Aufstieg der Partei

Zum ersten Mal war damit die "Ba'ath"-Partei in zwei arabischen Staaten an der Macht, nachdem sie in den zurückliegenden Jahren nie über die Rolle einer Minderheiten-Partei hinausgekommen war. Die Partei, die sich eigentlich "Partei der arabisch sozialistischen Wiedergeburt" nannte, war bereits 1943 von Michel Aflaq gegründet worden, einem in Damaskus geborenen und in Frankreich ausgebildeten Denker, der unter dem Motto "Einheit, Freiheit, Sozialismus" schon früh für den Zusammenschluss der noch jungen arabischen Staaten zu einer Nation eintrat.

Erst 1955 aber gelang es Aflaq, der Zeit seines Lebens mehr im Hintergrund agierte, seiner Partei in Syrien wenigstens zu begrenzter Bedeutung zu verhelfen. In Ablehnung der traditionellen und bürgerlichen Gruppierungen verbündete er sich zunächst für einige Zeit mit den Kommunisten, dann aber betrieb die "Ba'ath" den Zusammenschluss mit Ägypten.

Um ihn dann bald wieder zu hintertreiben, weil sie unter der Oberherrschaft Kairos nicht die erhoffte führende Rolle in der Vereinigten Arabischen Republik - oder wenigstens im syrischen Teil davon - erlangte. Die "Ba'ath" verstand es aber, den Bruch der sonst eigentlich populären Einheit mit Ägypten als "Verrat" zu verkaufen und das sogenannte "Separatisten-Regime" am 8. März 1963 zu stürzen.

Nach der Machtübernahme

Ministerpräsident Bitar äußerte sich kurz nach der Machtübernahme zuversichtlich über eine Ausweitung der Ba'ath-Herrschaft: "Wir sind für den Zusammenschluss der drei Staaten. Und da wir für diese Einheit sind, suchen wir eine Zusammenarbeit. Und zwar eine aktive Zusammenarbeit mit der irakischen und zugleich mit der ägyptischen Revolution. Für den erfolgreichen Zusammenschluss der drei Staaten ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den drei Revolutionen wesentlich. Es ist natürlich kein Geheimnis, dass an der Spitze der irakischen Revolution die Ba'ath-Partei steht. In Syrien ist die Rolle der Ba'ath-Partei ebenso klar, Wenn es also eine enge Zusammenarbeit zwischen Bagdad und Damaskus gibt, so deshalb, weil die beiden Revolutionen den gleichen ideologischen Ursprung haben."

Älteste Partei der Arabischen Welt

Wenn der Weg nun auch offen war zu solcher Einheit mit Ägypten und dem Irak: Er wurde nicht beschritten. Das Verhältnis zwischen der Partei und Präsident Nasser blieb gestört, und als der Irak sich Ende 1963 unter seinem neuen Präsidenten Aref Ägypten annäherte, war auch der Traum der Einheit mit Bagdad ausgeträumt.

Und dennoch: Die "Ba'ath"-Partei ist zur ältesten und dauerhaftesten politischen Partei in der Arabischen Welt geworden. Innerlich gewandelt zu einer rein sozialistischen, dann wieder eher pragmatischen und weniger ideologischen Partei, ist sie bis heute an der Macht. Syrien hat seitdem keine Staatsstreiche mehr erlebt - diese spielten sich mehr innerhalb der Partei ab.


Autorin: Martina Assuncao
   
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