Kalenderblatt dw.com
 
6.2.1999: Konferenz von Rambouillet beginnt
Frankreichs Präsident Jacques Chirac fand damals große Worte: "Die Welt schaut auf Sie, die Welt wartet." Auch der US-amerikanische Unterhändler Christopher Hill, rechte Hand von Dayton-Architekt Richard Holbrooke, scheute sich nicht vor einem Superlativ: Man stehe vor einer Jahrhundertaufgabe. Es gelte das "Unversöhnbare zu versöhnen".

Vordergründig gab der Auftakt der Friedensverhandlungen in Rambouillet am 6. Februar 1999, mit dem der bereits ein Jahr währende Kosovo-Krieg beendet werden sollte, Anlass zur Hoffnung. In der landschaftlichen Abgeschiedenheit des prachtvollen Jagdschlosses bei Paris hatten sich erstmals Abgesandte der Kosovo-Albaner - unter ihnen auch fünf Vertreter der Kosovo-Befreiungsarmee UCK - und Delegierte aus Serbien und der Bundesrepublik Jugoslawien versammelt.

Ins Leere

Den Worten Chiracs lauschten die Delegierten gemeinsam in einem Raum. Die nächsten beiden Wochen hatten die Vermittler der Balkan-Kontaktgruppe jedoch reichlich Treppen zu steigen, denn die verfeindeten Parteien sprachen nicht einmal beim gemeinsamen Buffet miteinander.

Der Weg der Vermittler lief gleichwohl ins Leere, denn der entscheidende Mann war nicht nach Rambouillet gekommen: der damalige Präsident Jugoslawiens Slobodan Milošević, Verursacher aller vier Balkan-Kriege in der zurückliegenden Dekade, saß nur als großer Unsichtbarer am Tisch. Während die 17 Delegierten der Kosovo-Albaner mit allen Befugnissen ausgestattet waren, hingen die 13 Abgesandten aus Serbien wie Marionetten am Faden des obersten Kriegsherrn aus Belgrad.

Vertreibungen, Zerstörungen und Vergewaltigungen

Milošević hatte bei seinem Amtsantritt als Präsident Serbiens 1987 seinen Landsleuten ein Großserbien versprochen. Dazu gehörte nach seinen Vorstellungen auch, die rund zwei Millionen Albaner aus der Wiege des serbischen Volkes, dem Kosovo eben, vollständig zu vertreiben. Vertreibungen, Zerstörungen und Vergewaltigungen waren denn auch seit Anfang 1998 an der Tagesordnung.

Bei den Offensiven der jugoslawischen Armee vom Frühjahr bis Herbst 1998 und im Winter 1998/1999 wurden 500.000 Kosovo-Albaner vertrieben, 450 Dörfer niedergebrannt, rund 2.000 Kosovo-Albaner getötet.

Der Friedensvertrag

Diese menschliche Katastrophe zu beenden, hatte sich die Balkan-Kontaktgruppe, bestehend aus den USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien, zum Ziel gesetzt.

Der Entwurf des Friedensvertrages sah im Kern vor: Politische Selbstbestimmung für die albanische Bevölkerungsmehrheit und Mitbestimmung in den Körperschaften Serbiens und Jugoslawiens. Territoriale Integrität für die Bundesrepublik Jugoslawien, das hieß, Kosovo blieb serbische Provinz. Auflösung der Kosovo-Befreiungsarmee UCK, faktisches Vetorecht der serbischen Minderheit im Kosovo bei bestimmten Gesetzesentwürfen. Das Ganze gesichert durch internationale Friedenstruppen mit einer Stärke von 28.000 Mann.

Belgrad lehnte den militärischen Teil des Abkommens, also die Stationierung der NATO-Streitkräfte in Kosovo, kategorisch ab, verhandelte nicht einmal darüber. Am 23. Februar wurden die Verhandlungen unterbrochen.

Verhandlungen geplatzt

Am 15. März wurden die Verhandlungen in Paris wieder aufgenommen, ohne dass sich die Parteien allzu viel Hoffnung machten. Am 18. März unterzeichnete die albanische Delegation das Papier einseitig, Belgrad weigerte sich und ließ damit die Friedensverhandlungen platzen.

Am 24. März sprachen die Waffen im Kosovo-Krieg, der zur Vertreibung von 1,5 Millionen Kosovo-Albanern sowie 150.000 Roma führte, 10.000 Albanern und 7.000 Serben das Leben kostete. Am 9. Juni 1999 kapitulierte Slobodan Milošević. Schließlich bewahrheitete sich die Prognose vieler Balkan-Kenner: Im Kosovo begannen Krise und Zerfall Jugoslawiens, im Kosovo werden sie zu einem Ende kommen.



Autor: Frank Gerstenberg
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Männer sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen.
  > Irmgard Keun
> RSS Feed
  > Hilfe
Welcher Staat führte 1935 das Frauenwahlrecht ein?
  Großbritannien
  Türkei
  Schweden
  Newsletter abonnieren
  Versenden Sie virtuelle Grüße