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9.2.1925: Stresemann bietet Sicherheitspakt an
Der Kanzler war sauer. Da hatte doch sein Außenminister eine heikle internationale Initiative eingeleitet und ihm nur mündlich davon berichtet. Den Wortlaut des Memorandums bekam der Kanzler erst zu sehen, als es schon an London und Paris weitergeleitet worden war.

So geschehen am 9. Februar 1925. Gustav Stresemann, seit 1923 Außenminister, hatte den frisch gekürten Reichskanzler und das Kabinett quasi ausgetrickst. Der Historiker Jost Dülffer, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Köln, erklärte warum: "Die nationale Rechte hielt nichts von einer solchen Versöhnungs- oder Ausgleichspolitik, weswegen es auch darum ging die deutsche Öffentlichkeit dafür reif zu machen, und dazu musste man erst mal einen bestimmten Satz an Verhandlungen erreicht haben, bevor man dass auf den Prüfstand der Öffentlichkeit geben konnte. Es war eine sehr knappe Sache, aber es klappte."

Stresemann, der Realist

Stresemann befürchtete mit Recht, dass die neue Regierung nicht bereit sei, seine Initiative mit zu tragen. Denn das Memorandum enthielt einen Vorschlag, der in Deutschland "umstritten" war, Jost Düffler sagte dazu: "Es ging um die Verpflichtung zu schiedlichen Regelungen vor allen Dingen mit dem Westen, also mit Frankreich und mit Belgien, d.h. dass man auch die Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg akzeptierte, ohne Elsass-Lothringen und ohne das belgische Malmedy. Gleichzeitig ging es darum, das unter die Garantie der westeuropäischen Mächte zu stellen, also zusammen mit Italien und mit Großbritannien."

Den Versailler Vertrag, den "Schmachfrieden", akzeptieren, das galt den Rechten als "Vaterlandsverrat". Stresemann war ihnen ohnehin besonders verhasst, denn er galt als "Abtrünniger" des eigenen Lagers. In der Tat hatte sich der überzeugte Monarchist nur mühsam mit der deutschen Republik angefreundet.

Aber als Realist hatte sich Stresemann - im Gegensatz zu vielen anderen - damit abgefunden: "Die Aufgabe unserer Gegenwart ist nicht gegenüber dem, was geschehen ist, in Träumen der Resignation zu versinken und lediglich wehmütig der Zeit zu gedenken, da der Sonnenglanz der Weltgeltung das Herz jedes Deutschen erwärmte. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, in starrer Opposition zu treten gegenüber dem, was geworden ist, sondern Hand ans Werk zu legen, um einen neuen Bau zu zimmern, der die guten Grundsteine der Vergangenheit benutzt, das Schädliche aussondert und so zunächst ein Haus zimmert, indem wir wohnen können."

Und das neue Haus sollte eines sein, in dem Deutschland gleichberechtigt neben den anderen Großmächten wohnte.

Von der Stresemannsche Initiative nach Locarno

Die Stresemannsche Initiative vom 9. Februar führte zu einer der erfolgreichsten Konferenzen der Weimarer Zeit: Vom 5. bis zum 16. Oktober 1925 verhandelten die europäischen Außenminister in Locarno über das deutsche Angebot. Dabei einigte man sich nicht nur über den sogenannten Sicherheitspakt, der die Unverletzlichkeit der Westgrenze garantierte. Auch mit einen östlichen Nachbarn, Polen und der Tschechoslowakei schloss Deutschland Schiedsverträge, ohne jedoch die Grenzen vertraglich zu fixieren.

Dazu sagte Jost Dülffer: "Also Locarno war ein Anfang, der sich nicht nahtlos durchgesetzt hat. Schon am Ende der Ära Stresemann - er starb 1929 - war absehbar, dass man da keine dauerhafte Freundschaft drauf aufbauen konnte, wie sie sich dann nach dem Zweiten Weltkrieg in wesentlich längeren Zeiträumen dann entwickelt hat. Locarno hatte seine Grenzen, aber Locarno war auf jeden Fall besser als nichts. Es war eine große Geste deutscher Außenpolitik."



Autorin: Rachel Gessat
   
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