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12.2.1974: Solschenizyn verhaftet
"Das Gefängnis beginnt mit der Box. Ein dunkler Bretterverschlag mit einer hundertköpfigen, tausendköpfigen Wanzenzucht. Mit nacktem Oberkörper wird der Delinquent hineingestoßen. Im Nu haben die hungrigen Wanzen von ihm Besitz ergriffen, fallen gierig über ihn her, stürzen sich von der Decke auf ihn herunter. Am Anfang kämpft er erbittert, schlägt um sich, glaubt in ihrem Gestank zu ersticken. Nach einer Stunde sinkt er kraftlos zusammen und lässt sich widerstandslos aussaugen." Ein Zitat aus "Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn und ein Einblick in die Methoden sowjetischer Terrormaschinerie.

Niedergeschrieben in vielen Büchern von einem Mann, der eigentlich Physiklehrer ist: Alexander Solschenizyn, geboren 1918 in Kislowodsk im Kaukasus. Seine aufrüttelnden Werke über die Schrecken der Stalin-Diktatur haben dem Westen die Augen geöffnet über den Kommunismus sowjetischer Prägung.

Achtung, Ächtung und Ausbürgerung

Seine literarischen Arbeiten sind so bedeutend, dass ihm 1970 der Nobelpreis für Literatur verliehen wird. Aber so sehr, wie er vom Rest der Welt geachtet wird, so sehr hasst ihn die sowjetische Führung.

Bereits in den 1940er- und 1950er-Jahren über lange Zeit hinweg in Lagern interniert, wird Solschenizyn am 12. Februar 1974 verhaftet, ausgebürgert und nach Deutschland abgeschoben. Im Haus seines Schriftstellerkollegen Heinrich Böll findet er erstes Asyl. Noch vor der Tür spricht er seine ersten Worte an seine wartenden Anhänger: "Sie verstehen - ich bin sehr müde. Und ich bin besorgt wegen meiner Familie. Ich muss telefonieren nach Moskau. Noch heute am Morgen war ich im Gefängnis!"

Die Schrecken stalinistischer Straflager

Mit 28 Jahren lernt Alexander Solschenizyn zum ersten Mal die Schrecken stalinistischer Straflager kennen. Während seines Fronteinsatzes im Zweiten Weltkrieg fallen dem sowjetischen Geheimdienst Briefe in die Hände, in denen sich Solschenizyn abfällig über Stalin äußert.

Auf acht Jahre Straflager mit Zwangsarbeit folgen drei Jahre Verbannung in einen unwirtlichen Winkel des riesigen Sowjetreiches. Der Sowjetmacht entronnen, wird Solschenizyn sich später sehr kritisch über die geringe Aufmerksamkeit äußern, die der Westen politischen Gefangenen in seiner Heimat angedeihen lässt: "Wie können wir überhaupt vergleichen? Die Gefangenen im Westen und in der dritten Welt sind amnesty international wohlbekannt, sie wissen alles. Sie kennen ihre Fotos hinter Gitterstäben, sie wissen über ihre Behandlung. Aber es gibt unvergleichlich mehr dieser Gefangenen im Osten, und über sie ist nichts bekannt."

Im Westen Bestseller, in Russland verboten

Nach seiner Entlassung im Jahr 1956 unterrichtet Alexander Solschenizyn Physik an einer Oberschule im Umland von Moskau. Nebenbei veröffentlicht er Erzählungen in Zeitschriften. Die Leser reißen sich um seine ebenso schonungslosen wie einfühlsamen Arbeiten. 1962 entscheidet Solschenizyn sich für eine Laufbahn als Schriftsteller.

Mit seinen Schriften will er die Menschen Russlands auf sensible Weise bereit machen für einen Weg aus der Diktatur: "In unserem Land, das schon so schwere Prüfungen über sich ergehen lassen musste, sollten sich alle Umwälzungen langsam vollziehen, ohne große Explosion, um gewaltsame Ausschreitungen zu vermeiden."

In einem offenen Brief fordert Solschenizyn im Jahr 1967 die Abschaffung der Zensur von Presse und Literatur in der Sowjetunion. Die Staatsführung fühlt sich provoziert. Solschenizyns autobiografische Romane "Der erste Kreis der Hölle" und "Krebsstation", im Westen längst Bestseller, werden in Russland verboten.

Die Reise zur Nobelpreisverleihung nach Stockholm wird ihm verweigert. Solschenizyn wird des Volksverrats angeklagt. Dank seiner internationalen Berühmtheit wandert er nicht ins Straflager, er wird ausgebürgert - für den heimatverbundenen Schriftsteller Strafe genug: "Warum sollte sich jemand, der in Freiheit lebt, wünschen, irgendwo anders hinzugehen? Was die Menschen für gewöhnlich wollen, ist nämlich Freiheit zu Hause, in ihrem eigenen Land und nicht irgendwo anders."

Für den Menschen und die Menschlichkeit

Erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wird Solschenizyn rehabilitiert. 1990 erhält er seine Bürgerrechte zurück. Eine mehrmonatige Reise durch seine alte Heimat bestärkt Solschenizyn in dem Vorhaben, aus seinem Exil in den USA und der Schweiz nach Hause zurückzukehren: "Ich habe so viele heile Seelen, so viele heile Menschen mit unermüdlich suchendem und fruchtbarem Verstand getroffen."

Den Menschen und der Menschlichkeit viel mehr als der Politik galt das unermüdliche Streben des Alexander Solschenizyn. Millionenbeträge aus seinen Honoraren flossen an kulturelle und karitative Initiativen in Russland. Doch unermüdlicher Kritiker der Regierung blieb er auch nach Zusammenbruch der Sowjetunion.


Autorin: Catrin Möderler
   
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