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22.2.1946: Das "lange Telegramm"
George Frost Kennan ist über seinen Präsidenten Franklin D. Roosevelt verärgert. Es ist Februar 1945, und die Alliierten entwerfen in Jalta ihre Nachkriegspolitik. George Kennan arbeitet als Diplomat an der Moskauer Botschaft. Die Zugeständnisse, welche US-Präsident Roosevelt an Stalin macht, findet er blauäugig. Der Berliner Historiker Knud Krakau erzählt, warum:

"Er war nicht überzeugt, dass die Kooperationspolitik, die Roosevelt betrieb, über den unmittelbaren Kriegszweck hinaus Chancen auf Erfolg hätte. Das war der Hauptpunkt. FDR (Roosevelt) hat bis zum Schluss gehofft, bis zu seinem eigenen Tode, die Kriegskooperation mit der Sowjetunion über das Kriegsende hinaus fortsetzen zu können. Das schätzte Kennan als nicht sehr realistisch ein."

Monatelang zupft Kennan US-amerikanischen Ministern und Staatssekretären am Ärmel; er versucht vor Stalin zu warnen. Doch keiner hört auf ihn. Kennan ist ein kleiner unbedeutender Diplomat in Moskau. Bis zu dem Tag, an dem die Sowjetunion sich weigert, der Weltbank beizutreten. Das Finanzministerium in Washington ist enttäuscht:

Krakau: "Und man wandte sich an die Botschaft in Moskau: Helft uns das zu verstehen. Wir sind etwas ratlos. Man wartete auf eine plausibel einleuchtende Interpretation."

Weil der Botschafter nicht da ist, diktiert Kennan am 22. Februar 1946 seiner Sekretärin Betty das Antwort-Telegramm. Es hat 8000 Zeichen Länge und ist eine Warnung vor Stalins Expansionsdrang. Aus Angst, dass keiner den langen Text liest, gliedert er das Telegramm in fünf Abschnitte. Er habe es wie eine puritanische Predigt aufgebaut, sagt Kennan:

"Wo es angezeigt und erfolgversprechend scheint, wird man versuchen, die äußeren Grenzen der Sowjetmacht zu erweitern. Die Russen werden sich offiziell an solchen internationalen Organisationen beteiligen, die ihnen Gelegenheit geben, sowjetische Macht auszuweiten und die Macht der anderen auszuschalten oder zu verwässern. Alles in allem haben wir es mit einer politischen Kraft zu tun, die sich fanatisch zu dem Glauben bekennt, dass es mit Amerika keinen dauernden modus vivendi geben kann."

Krahau: "Es wurde von ungeheuer vielen Leuten gelesen. Forrester, also der Secretary Forrester, der sehr einflussreich war, hat das dann zur Pflichtlektüre gemacht von Tausenden von Service-Officers. Das ist so eine typische Sternstunde für Kennan für seine Karriere natürlich auch."

Schon länger beurteilt auch Präsident Harry Truman die Sowjetunion skeptisch. Nach dem Langen Telegramm wandelt sich die US-Außenpolitik endgültig. Statt von Kooperation redet Truman nun von Containment - von Eindämmung des sowjetischen Einflusses. Der Kalte Krieg beginnt. Noch 1950 ist Kennan überzeugt, dass die US-amerikanische Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion nicht vorsichtig genug sein kann. Historiker Knud Krakau weiß von einem Memorandum. Kennan schreibt darin über das Verhältnis der USA zu Lateinamerika:

Krakau: "Und empfiehlt in diesem Memorandum explizit auch die diktatorischen, autoritären, militärischen Regime, die es in Lateinamerika zahlreich gab, zu unterstützen, sofern sie eben antikommunistisch eingestellt sind."

Später allerdings kommen Kennan Zweifel. Das Wettrüsten, der Kalte Krieg, die atomare Bedrohung - er fühlt sich Missverstanden. Er habe eine politische und keine militärische Eindämmung mit dem Langen Telegramm gewollt. Im Oktober 1982 erhält er in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für seine Kritik am Wettrüsten. Bei der Verleihung fragt er:

Kennan: "Kann es wirklich so sein, dass man diesen Zustand einfach auf unbestimmte Zeit weiter andauern lassen will? Und dies mit der einzigen Begründung, dass wir die Kernwaffen zur Abschreckung brauchen? Ich kann es nicht glauben. Die anti-nukleare Bewegung mit all ihrer geistigen Primitivität mit all ihren naiven Entgleisungen scheint mir eine natürliche Reaktion auf diesen Zustand zu sein."

Anders als in seinem Langen Telegramm kritisiert Kennan nun auch die US-amerikanische Regierung. Das Ende des Kalten Krieges erlebt er 1990 in Princeton.

Autor: Ralf Geißler
   
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